Predigt zu Auffahrt, 25.5.2017, 9.30, ref. Kirche Gränichen 
Pfrin Sonja Glasbrenner

 

Predigt: Fern oder nah?                                                                                          

 

Liebe Gemeinde

 

Wir haben uns hier versammelt, um zusammen Auffahrt zu feiern. Die meisten Menschen in christlichen Ländern nutzen diesen freien Donnerstag für eine Ausfahrt. Da rückt die Auffahrt in weite Ferne.

 

Weihnachten und Ostern – diese beide Feste werden von vielen noch feierlich begangen. Da kann man das Haus schmücken, backen, Eier färben... aber rund um die Auffahrt gibt es weniger handfeste Bräuche. Und handfest ist ja die Geschichte von Auffahrt auch nicht. Es ist eine Geschichte des Verschwindens. Jesus gerät ganz aus dem Blickfeld der Jünger. An Karfreitag haben sie mitgelitten, mussten sie miterleben, wie die Bewegung ihres Lehrers zu Ende ging. Es folgten Tage der Niedergeschlagenheit, der Angst und Trauer. Dann das Unerwartete: Christus begegnet ihnen in anderer Form, spricht sie an. Sie beginnen zu verstehen, denken über die stoffliche Welt hinaus. Glauben neu an Wunder, an die Auferstehung ihres Lehrers. Und an Auffahrt dann erneut ein ungewohntes Ereignis: Er geht jetzt doch ganz! Er entschwindet ihrem Lebenshorizont. Vielleicht erinnern sie sich an die Worte, die er gegen Ende seines Lebens zu ihnen sprach: Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen. Ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater.

 

Jesus kündigt also an, dass er in seine Heimat zurückkehrt. Und dass er nach seinem Tod gut aufgehoben sein und wieder am rechten Ort sein wird.


In fünf Sätzen beschreibt Lukas am Schluss seines Berichtes die Himmelfahrt des Auferstandenen:

Lk. 24.50-53

Und er führte sie hinaus in die Nähe von Betanien. Und er hob die Hände und segnete sie. Und es geschah, während er sie segnete, dass er von ihnen schied und in den Himmel emporgehoben wurde. Sie aber fielen vor ihm nieder und kehrten dann mit grosser Freude nach Jerusalem zurück. Und sie waren allezeit im Tempel und priesen Gott.

 

Der christliche Glaube mutet uns schon einiges zu. Das Unfassbare irgendwie erfassen. Dem Unsichtbaren trauen. Auf das, was man nicht sieht hoffen... Ich nehme an, dass die meisten Menschen eine Hoffnung für ihr Leben in sich tragen. Vielleicht sogar eine Hoffnung für die Welt. Wenn man nicht gerade handfeste politische Utopien verfolgt, ist diese Hoffnung wahrscheinlich oft vage. Man kann sie gar nicht recht beschreiben. Vielleicht sind es hoffnungsvolle Bilder über die eigene Zukunft oder die Zukunft der Welt, die man in sich trägt. Bilder eines friedlichen Zusammenlebens, einer intakten Natur. Wohlergehen für alle Menschen und Tiere. Oder ist es eher ein Gefühl für das Gute? Ein Gefühl des Friedens – oder auch nur der inneren Zufriedenheit? Glück, Sicherheit, Lebensfreude? Im Innern brauchen Menschen eine Hoffnung, eine Kraft, die sie trägt.

 

Die Freunde von Jesus brauchten nach den Ereignissen vom Ostersonntag einige Zeit bis sie begriffen, was da geschehen war. Auferstehung – das übersteigt den Horizont unserer Alltagserfahrungen. Von Tag zu Tag haben sie besser verstanden, was an Ostern geschehen war. Durch die Begegnungen mit dem Auferstandenen haben sie begriffen: Es kommt gut heraus! Für Jesus. Er geht uns voran. An Auffahrt dann nochmals eine ganz spezielle Begegnung zwischen den Jüngern und ihrem Lehrer:

Und er hob die Hände und segnete sie. Und es geschah, während er sie segnete, dass er von ihnen schied und in den Himmel emporgehoben wurde.

 

Ich will das luftige, schwebende und doch so dynamische Ereignis der Auffahrt Christi mit Ihnen in drei Farben ansehen: Blau wie der Himmel, in den Christus aufgenommen wird und den Blicken der Jünger entschwindet. Gelb wie das Licht, das durch die Hoffnung auf Gottes Wirken in den Jüngern zu leuchten beginnt. Rot wie die Verbindung zwischen Christus und seinen Freunden.

 

Blau wie der Himmel

 

Haben Sie auch schon jemandem den Himmel auf Erden gewünscht? Oder haben Sie sich selber gewünscht, den Himmel auf Erden zu erleben? - Was haben Sie sich da wohl gewünscht? - Vielleicht gute Beziehungen, in denen Sie sich geliebt fühlen? Eine harmonische Zeit? Dass Sie leichtfüssig und ohne Sorgen durch die Tage gehen können? Unbeschwerte, glückliche Stunden? - Der Himmel... Wir können ihn nicht einfach auf diese Erde herabziehen, auch wenn wir das manchmal vielleicht gerne möchten.

Im Englischen gibt es zwei Worte für Himmel: Das ist einmal sky. Sky, das ist unsere Erdatmosphäre. Die Moleküle, durch die das Dunkel des Alls hindurchschimmert, und die einen solch schönen blauen Effekt auf unsere Netzhaut werfen. Der Himmel ist physikalisch messbar und wird von den Meteorologen stündlich beobachtet. In ihm können wir uns mit Flugzeugen bewegen. - Und da ist das Wort heaven. Heaven lässt sich nicht so einfach lokalisieren. Heaven, das ist ein Ort oder ein Zustand, in dem man näher bei Gott ist. Man könnte sagen: Der Einflussbereich von Gott. Das Wort Heaven hat viel mit dem Reich Gottes, mit seinem Wirkbereich und Herrschaftsbereich zu tun. Und weil sich der Mensch aus irgendeinem Grund einmal von Gott getrennt hat, haben die Autoren der Bibel z.B. in Jes. 55.8 festgestellt: Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege, sagt Gott. Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, so viel höher sind meine Wege als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.

 

Himmel und Erde – das sind zwei getrennte Welten. Da gelten andere Gesetzmässigkeiten. Da wird anders gedacht und gehandelt. - Die Chance für uns Menschen ist es, dass wir in dieser Welt nicht uns selber überlassen werden. Was Menschen bewirken können, ist doch sehr begrenzt – trotz aller Technik. Da ist es gut, wenn die Erde nicht sich selber überlassen wird. Gott sagt den Menschen zu, dass sie auch eine Verbindung zum Himmel haben können. - Diese Verbindung finden nicht alle Menschen zur gleichen Zeit im gleichen Mass. Gott wirkt aber zum Guten in unsere Welt hinein. Er macht sich Gedanken über das Schicksal der Menschheit. Er kennt Wege, auf denen er Menschen führen will.

Und so spüren Christen seit unzähligen Generationen, dass sie eine Verbindung zur ewigen Welt Gottes finden können. In ihren Gedanken, in ihrem Innern finden sie Zugang zu ihm.

So ist der Himmel für uns heute nicht ein Ort, sondern er entsteht dort, wo Gott in unser Leben hineinwirken kann. Da kann sich dann für kurze Zeit ein seliger Zustand einstellen. Der Mensch erfährt: Gott ist da. Ich brauche nichts weiter.

 

Das führt mich zur zweiten Farbe: Rot wie die Liebe. Glauben kann man genauso gut übersetzen mit: Vertrauen auf! Auf Gott vertrauen. Seine Hoffnung auf ihn setzen.

Was geschieht genau bei der Himmelfahrt? Hören Sie nochmals hin:

Und er führte sie hinaus in die Nähe von Betanien. Und er hob die Hände und segnete sie. Und es geschah, während er sie segnete, dass er von ihnen schied und in den Himmel emporgehoben wurde.

 

Christus führt seine Freunde zuerst an einen besonderen Ort. Als letzte Geste wendet er sich ihnen zu und segnet sie. Christus verabschiedet sich mit einer priesterlichen Geste von seinen Freunden. Er lässt ihnen etwas zurück: Seinen Segen! Es ist, wie wenn wir uns von jemandem verabschieden und ihm alles Gute wünschen. Der göttliche Segen ist aber noch weit mehr. Durch ihn bleiben die Jünger mit ihrem Lehrer verbunden. Der Segen wirkt weiter in ihnen, gibt ihnen Glaubensgewissheit, hilft ihnen, die Botschaft von der Auferstehung weiter zu erzählen. Trotz der tragischen Ereignisse werden sie durch diesen Segen mit einer unerklärlichen Freude erfüllt. Und mit der Gewissheit, dass sich hier Gottes ewiges Leben und ihr menschliches Dasein verbinden. Hoffnung wächst in ihnen durch die Beziehung zu Gott. Aus seiner Zuwendung bekommt ihr Leben Sinn und ein lohnendes Ziel. Im Segen sagt Christus seinen Freunden: ich bleibe euch in Liebe verbunden. Ihr seid nie allein. Auch wenn ich fern von euch bin, bleibe ich euch nah! Segnend stellt Christus die Jünger ins Kraftfeld der Liebe Gottes. Dieses Erlebnis war so tiefgreifend, dass es eine unerklärliche, tiefe Freude in den Zurückgebliebenen auslöst. Und dass es sie beflügelt, ihren Zeitgenossen von ihren Erlebnissen mit Christus zu erzählen. Segnend stellt Jesus eine Verbindung zwischen sich und den Jüngern her, die niemals abreissen wird.

Dies ein Grund, warum wir jeden Sonntag Gottesdienst feiern: Gott wendet sich den Anwesenden jeden Sonntag neu zu! Er schenkt ihnen seine Gegenwart und seinen Segen. Die Verbindung zu ihm wird dadurch gestärkt. Und aus dieser Verbindung haben schon unzählige Menschen neue Hoffnung für ihr Leben gewonnen!

Damit kommen wir zur dritten Farbe: Gelb, ein Licht, das bleibt

 

Lukas deutet an, dass die Beziehung der Jünger zu Jesus nach seinem Tod nicht abgerissen ist. Nein, sie haben auf der geistigen Ebene die Verbindung zu ihm gepflegt. In der christlichen Gemeinschaft, im Reden mit Gott, haben sie sich weiterhin auf  ihn ausgerichtet. Dabei hilft ihnen der Geist Gottes, das rechte Verständnis für den Unsichtbaren lebendig zu halten. Der Geist Christi kommt als Tröster und Ratgeber ins Innere der suchenden und glaubenden Menschen. Er lehrt sie, die Verbindung zu Gott zu halten. Er deutet ihnen die Schriften der Bibel und alles, was sie mit Jesus erlebt haben. Gottes Geist bringt Klarheit. Als Licht des Glaubens scheint er in diese von Gott losgelöste Welt. Und so werden die von Gott begeisterten Menschen selber zu Zeugen des segensreichen Wirkens Gottes. Mit ihrer Existenz bringen sie eine Ahnung des Himmels in diese geplagte Welt. So kann Gott von den Glaubenden sagen: Ihr seid das Licht der Welt. So empfangen die Jünger im Segen Leben aus Gott. Sie werden beflügelt und dafür ausgerüstet, dass sie ihre Erfahrungen mit Gott in der ganzen Region verkünden. Denn in Christus war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.