Gottesdienst vom 15.7.2018

Pfrn. Sonja Glasbrenner, ref. Kirche Gränichen

 

Freude – wo lässt sie sich finden?

Freude in den Liedern von Paul Gerhardt

 

Predigt                                                                                                              

 

Das Wort Freude kommt einem wahrscheinlich nicht als erstes in den Sinn, wenn man an den christlichen Glauben denkt. Wenn man an einen Gottesdienst denkt, oder an den persönlichen Weg, den man mit Gott geht. Oder doch? Welchen Stellenwert hat die Freude in Ihrem Leben? Verbinden Sie Freude mit Ihrem Glaubensleben?

 

Freude ist ein vielfältiger Begriff. Wenn man ihn definieren möchte, dann wird er wahrscheinlich sofort nichtssagend und tot. Freude will innerlich empfunden werden. Sie will manchmal gesucht werden. Sie will bewahrt werden. Freude trifft uns oft spontan. Beim Anblick eines spielenden, vergnügten Kindes, beim Anblick einer schönen Berglandschaft oder beim Schimmen im weiten Meer. Freude kommt auf beim Tanzen oder beim Ausüben des Lieblingssports. Beim Hören von Musik, die einem sehr gefällt. Wenn man mit Menschen zusammen ist, von denen man sich angenommen und verstanden fühlt. - Welche Situationen kennen Sie sonst noch, die Freude in Ihnen wecken?

 

Ist Freude nur ein Zusatz in unserem Leben? Oder ist sie unverzichtbar, wenn wir gesund bleiben wollen? Aus meiner Sicht ist sie eine unverzichtbare Kraftquelle im Leben.

Als ich das Sommerlied „Geh aus mein Herz und suche Freud“ gewählt habe, fiel mir noch gar nicht richtig auf, dass sich die Freude als Grundmelodie durch das ganze Lied hindurchzieht. Paul Gerhardt hat es in diesem Lied gewagt, einseitig zu sein. All das Schwere in seinem Leben nicht ganz zu vergessen, es aber von der Freude so überstrahlen zu lassen, dass es sich darin fast auflöst.

Darum ist aus dieser Predigt nun eine Liedpredigt geworden. Beim Lesen des Liedes habe ich nämlich immer noch mehr gefunden, dass unser Thema genau aufnimmt.

 

In den ersten sieben Strophen verliert sich der Dichter ans Erleben der Natur. Die sommerliche Fülle scheint ihn zu überwältigen. So heisst es z.B. Der Weizen wächset mit Gewalt, darüber jauchzet jung und alt. -

 

Verständlich, dass die Menschen damals nach dem dreissigjährigen Krieg, nach Zeiten des Hungers, darüber jauchzen, wenn die Saat gut wächst. Dass der Dichter in die Freude und in die Fülle, die er rund um sich herum wahrnimmt einstimmt, sagt er in Strophe 8 explizit:

 

Ich selber kann und mag nicht ruhn: Des grossen Gottes grosses Tun erweckt mir alle Sinnen; ich singe mit, wenn alles singt, und lasse, was dem Höchsten klingt, aus meinem Herzen rinnen.

 

Paul Gerhardt lässt sich also anstecken. Er lässt sich ganz in das volle Leben, das er überall in der Natur wahrnimmt, hineinnehmen. Mit allen Sinnen ist er dabei. Mit allen Sinnen freut er sich an dem, was er sehen, hören, wahrnehmen kann. - Da Paul Gerhardt sein Leben aus der Perspektive seiner Beziehung zu Gott deutet, wird ihm alles um ihn herum zu einem Gleichnis. Er fragt sich darum, welch heller Schein erst im Garten von Christus sein wird – wenn er doch in dieser vergänglichen Schöpfung schon so viel Leben und so viel Schönheit entdecken kann.

 

Ist Ihnen auch schon eine Landschaft oder eine Erfahrung mit einem Menschen zu einem Gleichnis geworden? Zu einem Hinweis auf das Wirken Gottes, das darauf zielt, den Menschen mit seinem Willen und seiner liebenden Kraft vertraut zu machen? Es ist ein Geschenk, wenn uns die Welt transparent wird für die ewige Wirklichkeit von Gott. Vielleicht haben Sie auch schon in Büchern gelesen, wie Menschen solche Erfahrungen zu einem Trost geworden sind. Oder Sie haben selber schon erlebt, wie Sie mitten im ganz gewöhnlichen Leben Hinweise auf das Wirken Gottes in dieser Welt bekommen haben. Wer so erkennen darf, dass diese Welt mit der unsichtbaren, mit der heilen Wirklichkeit von Gott verbunden ist, der hat Grund zur Freude.

 

In unserem Lied muss man neben den ersten Strophen schon auch die hinteren Verse ansehen, damit klar wird, dass für Paul Gerhardt die Natur transparent wird für Gott. Ab Strophe 8 richtet sich der Dichter nämlich aus auf den Ursprung von allem, was ist. So wird klar, dass ihm die sommerliche Natur, die vergänglich ist, zu einer Tür wird, die ihn in die ewige Wirklichkeit Gottes führt. - Er vergleicht ja den Raum, in dem Christus wirkt mit einem Garten.

Und aus den Versen: O wär ich da, o stünd ich schon, du reicher Gott, vor deinem Thron... klingt eine Sehnsucht. Die Sehnsucht des glaubenden Erdenmenschen nach der ewigen, erlösten Wirklichkeit Gottes. Diese Hoffnung zieht sich durch alle Lieder von Paul Gerhardt, die ich für diesen Gottesdienst gelesen habe, hindurch. Er erfährt diese Welt in ihrer Ambivalenz. Einerseits als arme Erde, als Kreuz und Elende. Er spricht auch von dunklen Schatten, die sein Leben verdunkeln. Aber in all dem richtet er sich immer wieder mit ganzer Kraft auf den aus, dem er vertrauen kann. In allen seinen Liedern wird klar, dass Gottes Geist den Menschen jetzt schon mit der göttlichen Kraft verbindet und ihn zu einem erlösten Dasein führt. Diese Hoffnung und Erwartung gibt den Gerhardt Liedern ihre enorme Tiefe. Im bekannten Lied Die güldne Sonne schreibt er in Strophe 10: Kreuz und Elende, das nimmt ein Ende; nach Meeresbrausen und Windessausen leuchtet der Sonne erwünschtes Gesicht. Freude die Fülle und selige Stille darf ich erwarten im himmlischen Garten; dahin sind meine Gedanken gericht`.

Paul Gerhardt wendet seinen Blick immer neu vom Leiden, von dieser geplagten Welt hin zu Gott. Und Leiden, das hat er in seinem fast 70 Jahre dauernden Leben zur Genüge erlebt. Ich erwähne hier doch ein paar Punkte – einfach um deutlich zu machen, in welch belastetem Leben seine hoffnungsvollen Texte entstanden sind. Als Paul Gerhardt 11 Jahre alt war, brach in weiten Teilen Europas der 30-jährige Krieg aus. Als er 12 war verlor er die Mutter, mit 14 den Vater. Es gelang ihm trotzdem, in Wittenberg Theologie und Philosophie zu studieren. Seine Studien finanzierte er mit einer Anstellung als Hauslehrer. In Kursachsen war der Krieg deutlich zu spüren. 1636 starben viele Menschen an der Pest, 1637 zerstörten die Schweden die Heimatstadt von Paul Gerhardt. In diesem Jahr starb auch ein Bruder von ihm. Als der Dichter 1643 nach Berlin zog, war die Einwohnerzahl durch Krieg und Seuchen von 12.000 auf 5.000 gesunken. Man kann sich vorstellen, wie die Verfassung der Leute in einer solch geplagten Stadt war.

In seinen Texten gelang es Paul Gerhardt, bei den Zeitgenossen Mut und neue Hoffnung zu stärken. Er wurde an die Berliner Nikolai Kirche gewählt. Er befreundete sich mit dem dortigen Kantor, Johann Crüger. Dieser nahm 82 Lieder Gerhardts in sein damals sehr bekanntes Gesangbuch auf. Während 10 Jahren war Paul Gerhardt Pfarrer in Berlin. Dann wurde er Teil von theologischen Auseinandersetzungen.

Kurfürst Friedrich Wilhelm war in religiösen Fragen tolerant und wollte, dass alle lutherischen Geistlichen die Reformierten anerkennen sollten. Paul Gerhardt verweigerte seine Unterschrift und wurde deshalb entlassen. - Da sich viele einflussreiche Männer für ihn einsetzten, hätte er wenige Monate später zurückkehren können. Aber er lehnte ab. So trat er seine letzte Stellen in Lübben an. Die dortige Kirche wurde nach ihm benannt. - Mitten in einem spannungsreichen Umfeld, in einer Zeit hoher Kindersterblichkeit, in rauhen Zeiten, gelingt es Paul Gerhardt, sich selber und die Kirchgänger mit seinen Texten zu trösten und zu ermutigen. In manchen Liedern befiehlt er seinem Herzen, seinem Lebenszentrum, geradezu, sich immer neu auf Gott hin auszurichten. Dabei weiss er aber immer auch, dass er warten muss. Warten, bis sich der Sonne erwünschtes Gesicht wieder zeigt. In vielen Strophen bittet er auch Gott um seine Hilfe. Es ist also ein Geschenk und ein Wirken Gottes, dass der Dichter ihm vertrauen kann, dass er seine Hoffnung und Lebensfreude in einem Leben, das auch voller Leid ist, behält.

 

Ich würde sagen: Diese Welt für sich, ohne dass man nach dem Hintergrund, nach Gott fragt, bietet uns heute in der Schweiz an guten Tagen und in guten Momenten schon viel Freude. Wenn man zum Jahreswechsel oder an einem Sommerfest ein grosses Feuerwerk anschaut, wird aber auch klar: Die Freude, die wir in bestimmten Erlebnissen finden, ist flüchtig. Mir wurde das jeweils sehr deutlich bewusst, wenn ich im Skilager der Baptistengemeinde war. Die meisten von uns befassten sich das ganze Jahr über mit dem Glauben. Wir suchten nach dem, was im Leben trägt. Dann standen wir an Silvester auf der Terrasse des Lagerhauses in Klosters und schauten uns zusammen das Feuerwerk an. Für mich war dies die Erfahrung eines Gegensatzes. Ein sehr vergängliches Spektakel, eine sehr vergängliche Freude im Gegensatz zur bleibenden Freude, um die wir uns das ganze Jahr über bemühten. Ich sage nicht, dass die vergänglichen Freuden keinen Wert haben. Es ist gut, wenn Menschen das Leben geniessen können. Nur greift dies für mich zu kurz. Ich gebe mich nicht zufrieden mit Highlights im Leben, mit flüchtigen Freuden.

Neben der vergänglichen Freude, die jede und jeder von uns hoffentlich aus vielen Situationen, Begegnungen und Interessen in seinem Leben kennt, sind wir auch für die bleibende Freude, die uns aus der Gegenwart Gottes selber zukommt bestimmt. Es gibt eine Freude, die sehr von äusseren Faktoren abhängig ist. Und ich meine, dass es auch den meisten glaubenden Menschen so geht.

Wie es uns gesundheitlich geht, ob wir bei Kräften sind, ob wir schönes erleben, ob wir gute Freunde um uns haben... das alles bestimmt wesentlich, ob wir uns am Leben freuen können. Und doch, so scheint mir, soll unsere Freude nicht nur von den äusseren aktuellen Lebensumständen abhängig sein! Es gibt eine vergängliche Freude, die durch Probleme, Störungen und Kränkungen im Leben sofort getrübt werden kann. Was tun, damit unsere Lebensfreude nicht einfach weggeputzt wird? Paul Gerhardt zeigt uns eine Möglichkeit, wie Menschen eine innere Freude finden, die bleibt. Da muss dann gar nichts spektakuläres geschehen. Ein ganz gewöhnlicher Tag wird erhellt vom Dasein von Gott. Die innere Freude, die nicht an Begegnungen und Ereignisse gebunden ist, bleibt, weil Gott selber ihre Quelle ist. Kennen Sie diese Art von Freude aus Ihrem Leben? Eine Freude, die lebendig bleibt, auch wenn es einem äusserlich gerade nicht gut geht? Paul Gerhardt erlebt, dass ihm in seinem Leben Grenzen gesetzt sind. Er kann die Umstände nicht einfach verändern. Aber er denkt nicht nur über das hinaus, was er unmittelbar erlebt – er schaut und fühlt auch schon darüber hinaus. Darum kann er in einem andern bekannten Lied schreiben: Die güldne Sonne voll Freud und Wonne bringt unsern Grenzen mit ihrem Glänzen ein herzerquickendes liebliches Licht. Er hat die Gnade gefunden, sein Leben im Licht Gottes zu sehen. Dies gab seinem Leben Stabilität, bleibende Hoffnung, bleibende Freude. So jedenfalls kommt es mir aus seinen Liedern entgegen. Die Wortwahl und die Melodie sind für uns heute auch ungewohnt. Aus den Gerhardt Liedern spüre ich aber eine innere Kraft, welche die Musikstile und auch die Art, sich sprachlich auszudrücken, überdauert. Weil es eben ein inneres Erleben, sozusagen die Wurzeln seines Lebens sind, die er da zum Ausdruck bringt.

 

In unserem Sommerlied wagt es Paul Gerhardt, sehr einseitig zu sein. Er richtet sich ganz auf das Leben aus. Er sucht das ganze, das heile Leben aus Gott. Die Zielrichtung seines Lebens ist klar: Hilf mir und segne meinen Geist, mit Segen, der vom Himmel fliesst, dass ich dir stetig blühe. Mach in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir werd ein guter Baum und lass mich Wurzel treiben.

 

Er wünscht sich ein lebendiges und freudvolles Dasein nicht erst im Jenseits. Er bittet darum, dass er Gottes Kraft im Hier und Jetzt erleben kann: Lass mich zur letzten Reise an Leib und Seele grünen. So sieht eine Hoffnung aus, welche die Umstände unseres Erdenlebens nicht ausblendet. Eine Hoffnung, die darauf vertraut, dass die göttliche Kraft mitten in diesem konkreten Leben wirkt und die um dieses Wirken bittet. Aus einer solchen Hoffnung entsteht eine bleibende Freude. Hoffnung und Freude – das hängt für mich nämlich eng zusammen. Wer Gott zutraut, dass er alles zum Guten wendet, der richtet seine Aufmerksamkeit auf das Hilfreiche und Gute in seinem Leben aus. Er lässt es zu, dass sich innere Räume vor ihm öffnen, von denen er nichts gewusst hat. Wer in seinem Innern die Gewissheit gewinnt, dass Gott da ist und sein Leben in sein Licht aufnimmt, der hat Grund zur Freude. Hoffnung und Freude – sie beide lassen uns leben. Sie beide sind wichtige Motivationen, damit wir tätig werden und unsere Aufgaben gerne tun. Hoffnung und Freude können unserem Leben ganz neue, andere Qualitäten verleihen.