Predigt zu Luthers Erbe

ref. Kirche Gränichen, 22.01.2017, Pfrn. Sonja Glasbrenner

 

Im Buch 500 Jahre Reformation haben sich verschiedene Autorinnen Gedanken dazu gemacht, welche Bedeutung denn ein solches Jubiläum haben könnte – und wie es uns als Reformierte heute herausfordern kann.

 

Ich nehme in diesem Gottesdienst einige Gedanken von Thies Gundlach aus Hannover auf: Er will nicht nur äusserliche Feiern mit Lutherbrezeln und Lutherfiguren. Die Reformation feiern heisst für ihn: Theologische, geistliche und kulturelle Aspekte der Reformation so zur Sprache bringen, dass sie Menschen der heutigen Gesellschaft etwas zu sagen haben. Das ist keine einfache Aufgabe. 500 Jahre liegen dazwischen, die heutige Gesellschaft ist eine ganz andere als damals. Dazu hat unter anderem auch die Reformation einen Beitrag geleistet.  Die Reformation hat die Gesellschaft verändert. Von Luther und vielen andern gingen Impulse zur Freiheit, zur Bildung für alle und zur Aufwertung der Welt, des Diesseits aus. Es gibt aber allgemein menschliche Fragen, die sich nicht gross verändert haben. Sie begegnen uns heute nur in etwas anderem Gewand. Die Frage, wie der einzelne Mensch in eine Beziehung zu Gott treten kann und die Erlösung durch Gnade haben auch heutigen Menschen noch etwas zu sagen.

 

In unserer globalisierten und so vielgestaltigen Welt, im  rasanten technologischen Wandel wird es schwierig, die Identität einer Gesellschaft noch zu sehen. Was befestigt unser fliessendes Dasein? - Das Reformationsjubiläum dient dazu, sich auf die geistigen Wurzeln zu besinnen. Vielleicht können Sie dem Satz zustimmen: Je mehr Veränderungsdynamik eine Gegenwart entwickelt, desto mehr Erinnerungskultur braucht sie. Es tut nicht nur der reformierten Kirche sondern der ganzen Gesellschaft gut, die reformatorischen Grundeinsichten im Gedächtnis zu behalten, und sie auf die aktuelle gesellschaftliche Situation zu beziehen. Dadurch wird unsere Herkunft geklärt, die Gegenwart verstehbar gemacht und die Angst vor der Zukunft vermindert.

Die reformatorische Theologie fragt danach, was Freiheit des Menschen meint, was Menschenwürde ist. Sie fragt nach der Gottesbeziehung des einzelnen und nach seiner sozialen Verantwortung. Dies kann dazu beitragen, dass Menschen angstfreier, selbstbewusster und zuversichtlicher leben und so das gesellschaftliche Leben positiv beeinflussen.

 

Martin Luther war bekannt dafür, dass er komplexe Sachverhalte eingängig und verständich ausdrücken konnte. So hat er die Grundlage seines reformierten Glaubens in vier Begriffen ausgedrückt. Was seinen Glauben ausmacht, lässt sich in den vier soli zusammenfassen: Solus Christus: allein Christus, sola scriptura: allein die Schrift, die Bibel, sola fide: allein der Glaube, sola gratia: allein die Gnade. Auf der Grundlage der Bibel sucht Luther und suchen alle Reformatoren nach dem, was Gott uns Menschen sagen will. An der Bibel haben sie die damaligen theologischen Strömungen gemessen und kritisiert.

 

Diese Linie zieht sich weiter. Die Auslegung der Schrift hat ihre zentrale Stellung in der Predigt und in der Erwachsenenbildung behalten. Reformierter Glaube orientiert sich an den biblischen Texten, die im historischen Zusammenhang gesehen und erforscht werden. Man hört immer wieder, dass reformierter Glaube ein wortlastiger Glaube sei. Das ist so. Es scheint mir darum wichtig zu fragen, welche Aufgabe denn die Worte im Leben des Hörers und Leser haben könnten. Manchmal scheint mir, dass viele Zeitgenossen nicht viel mit dem Glauben anfangen können, weil sie in den Predigten und in der Bibel keinen Bezug zu ihrem Leben sehen. Manchmal braucht es Zeit und intensives Nachdenken, bis man in einem Text den Bezug zur eigenen Existenz findet. Wenn dies gelingt, werden die Worte plötzlich lebendig. Sie gehen den Hörer oder Leser plötzlich etwas an. Und das ist für mich das Wesentliche an der Schriftauslegung: Dass sie den Menschen in seiner Lebenssituation unmittelbar anspricht. Dann werden die Worte der Bibel zu lebendigen Worten, die im Fühlen und Denken des Menschen etwas verändern. Dann kann etwas zu seinen Gunsten geschehen. Darauf bereitet ein sorgfältiges Lesen und Auslegen der biblischen Texte vor. So können wir die Bibelübersetzungsarbeit der Reformatoren für das konkrete Leben fruchtbar machen. Solche Erfahrungen wünsche ich den Besuchern im Gottesdienst.

 

Martin Luther lebte als Mönch bei den Augustiner-Eremiten in Erfurt. Sein Bettelorden befolgte die Ordensregeln besonders streng. Angeschlossen ans Kloster war eine Hochschule. Luther war schon in jungen Jahren immer auch theologisch tätig. Später bekam er eine Professur und lehrte seine reformierte Theologie. Eine existenzielle Lebensfrage des Augustinermönches Martin Luther war: Wie kriege ich einen gnädigen Gott? Ganz dem damaligen Weltbild verhaftet war die Ungewissheit, ob er nach seinem Tod gerettet sei oder ins Fegefeuer oder in die Hölle komme eine quälende Realität in seinem Leben. Aus dieser Ungewissheit sucht er einen Ausweg.

Luther litt in jungen Jahren sehr unter Gewissensbissen. Da nützten auch häufiges Beichten und das Abendmahl nicht viel.

 

Johann Staupitz brachte ihn auf die entscheidende Spur: Er erklärte ihm, dass er sich nicht ständig um seine eigenen vermeintlichen Vergehen drehen solle. Er solle Christus nicht mit Kleinigkeiten belästigen. Echte Busse beginne nämlich nicht mit Zerknirschung oder frommen Werken, sondern mit der Hinwendung zu Gott. Er müsse zum liebenden und gerechten Gott finden, sich von ihm gerechtsprechen lassen, das sei entscheidend. In seiner Auslegung zum Römerbrief nimmt Luther diese Erkenntnis auf und baut seinen Glauben darauf auf. Er verkündet, dass Gott selber den Menschen in Christus gerechtspricht. Dass wir ohne Gewissensbisse, innerlich frei leben dürfen, geht also von Gott aus. Entscheidend ist, dass wir sein befreiendes Handeln an uns geschehen lassen. In Röm. 1.17 findet Luther die Grundlage dafür: Gottes Gerechtigkeit wird im Evangelium offenbart, aus Glauben zu Glauben, wie geschrieben steht: Der aus Glauben Gerechte aber wird leben.

 

Bis heute ist der Glaube, im Sinn eines Vertrauens in Gott, zentral geblieben. Damit wir vor Gott recht sind, müssen wir kein gutes Werk leisten, wir können und müssen uns vor ihm nichts verdienen. Wenn wir gutes tun, dann soll dies eine Folge unseres Glaubens sein. Aber soziales Engagement muss nicht dem Heil dienen. So wird der Mensch von der Last befreit, sich durch gute Taten irgendetwas verdienen zu müssen. Wer gutes tut, tut dies aus Freude und weil er es richtig und sinnvoll findet. Ist diese Art der Freiheit in unserer reformierten Kirche heute zu finden? Ich meine, dass ich sie hier und dort wahrnehmen kann.

 

Die Frage: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott beschäftigt heute nur noch selten Menschen. Aber auch wir leben in einer Welt, die Angst machen kann. Thies Gundlach legt darum Luthers Grundformel: Die Rechtfertigung des Menschen allein aus Glauben, seelennah aus. Das Evangelium kann dem heutigen Menschen eine Entängstigung der Seele von heutigen, aktuellen Aengsten bringen! Thies Gundlach beschreibt diese Bewegung so: Auszug aus der Angst – Einkehr bei Gott – Aufbruch in die Welt.

 

- Martin Luthers Weg lässt sich genau so beschreiben. Er konnte seine Seelennöte zurücklassen. Er fand den inneren Zugang zu einem Gott, der den Menschen annimmt. Und mit seinen Erfahrungen und Erkenntnissen hat er die Welt verändert. Diese Bewegung Auszug aus der Angst – Einkehr bei Gott – Aufbruch in die Welt ist in der Kirche bis heute aktuell geblieben! Aus dem Vertrauen in Gott sein Leben gestalten. Aus dem Vertrauen zu ihm etwas im Alltag bewirken. Aus dem Vertrauen in ihn diese Welt mitgestalten.

 

Wer sich auf diese existenzielle Dimension des Glaubens einlässt, der kann in seinem Leben spannende Veränderungen erfahren. Das Evangelium besteht dann nicht in alten Texten die übersetzt und erklärt werden, sondern es beginnt den Menschen unmittelbar anzusprechen. Es braucht eine gewisse Aufmerksamkeit, damit man die positiven Veränderungen im eigenen Leben auch mit dem befreienden Wirken von Gott in Verbindung bringen kann. Wir sehen ja vor allem das, was wir erwarten. Wer sich mit Gottes befreiendem Handeln, mit dem Evangelium befasst, der beginnt sein Leben vor diesem Hintergrund zu deuten. Aus der Sicht des Glaubens werden neue Zusammenhänge erkannt.

 

Luthers Frage nach dem Evangelium fragt auch uns heutige nach Gott. Sie fragt nicht nach unserem Wissen und nicht nach unseren Taten, sondern sie fragt: Wie richtest du dich innerlich aus? Suchst du Gott und lässt du dich von ihm anrühren? Diese innere Ausrichtung vermag dem Leben Sinn zu geben. Thies Gundlach beschreibt dies so:

 

Luthers Frage schafft und stärkt die Frage nach dem inwendigen Menschen, nach der Seele, nach dem Raum in mir selbst, der nicht nur Reflexion meint, sondern auch Halt und Heimat in den Stürmen des Lebens. Wenn diese Gottesfrage – auch im Gestus des Zweifelns, des Suchens, des Anklagens, des Vermissens – nicht mehr mitgesprochen werden kann in mir selbst und in der Welt, wird es einsam und still, leer und banal in mir und um mich herum. Eine Seele ohne Gottesfrage ist wie ein Fisch auf dem Lande und wie ein Haus ohne Fenster – es ist dunkler, als es sein müsste, und enger als nötig.

 

Die allermeisten Zeitgenossen brauchen nicht wie Luther Erlösung von einem sie bedrohenden Gottesbild. Aber wahrscheinlich kennt jede und jeder Aengste in seinem Leben, aus denen er befreit werden möchte.

Da ist die berechtigte Angst vor Krankheiten. Das Vertrauen in Gott gibt niemandem eine Garantie, dass er gesund bleibt. Aber es kann den Krankheiten ihren Schrecken nehmen. Weil der Mensch nicht nur in einer Wirklichkeit lebt. Weil er spürt, dass er mitten in der Krankheit von Gott getragen ist. Und weil er weiss, dass die Krankheit nicht das letzte Wort über sein Leben hat.

 

Da ist auch die Angst, von andern Menschen unbarmherzig behandelt zu werden. Von andern kritisiert, abgelehnt oder verleumdet zu werden. Diese Angst lähmt Menschen zuweilen, das zu tun oder zu sagen, was ihnen selber wichtig ist. Wer Gott erfahren hat als jemanden, der ihn bedingungslos annimmt, kann dieser Angst etwas entgegensetzen. Er übernimmt nicht mehr einfach unbarmherzige Urteile anderer Menschen, sondern sieht sein Leben zuerst im wohlwollenden und Freiraum schaffenden Licht Gottes.

 

Aus dieser Erfahrung wird er dann auch andere mit einem weiteren Blick ansehen, wird sie zu verstehen suchen und in ihrer anderen Art gelten lassen. Ich weiss nicht, wie weit diese Haltung bei Luther schon angelegt ist. Der Reformator konnte vor allem in geistlichen Fragen sehr streitbar und unversöhnlich sein. Er hat aber propagiert, dass jeder Mensch selber einen direkten Zugang zu Gott hat – und damit schon einen Individualismus und Pluralismus in der Kirche vorbereitet. Gerade wenn ich mit Leuten spreche, die nicht oder nicht mehr Mitglieder unserer Kirche sind, höre ich: Sie finden es positiv, dass in der reformierten Kirche viele Meinungen und viele Arten, den Glauben zu leben, Platz finden. Es gibt keine Norm, der jedes Mitglied entsprechen muss. Auch keine verdeckten Normen, denen man Folge zu leisten hat, wenn man dazugehören will.

Dieser Raum ist sehr kostbar! Er bietet dem einzelnen die Chance, in aller Ruhe seinen eigenen Glauben zu finden und seinen persönlichen Ausdruck der Gottesbeziehung zu leben. Dies ist eine Stärke der reformierten Kirche – und wenn diese Qualität wieder entdeckt wird, bleibt die reformierte Kirche auch eine wichtige Institution in der religiösen Landschaft.

 

Ich wünsche mir, dass noch viele Menschen entdecken, dass die biblische Botschaft und ihre Auslegung nicht in der Geschichte oder in Theorien steckenbleiben. Sondern dass in der biblischen Botschaft auch allgemeingültige Wahrheiten liegen, die sie unmittelbar ansprechen. Dann werden die Worte der Bibel zu Gottes Wort, das der einzelne für sich in seine Situation hinein hört. Das ihm neue Sichtweisen erschliesst, das ihn aus Aengsten in einen grösseren Raum führt, das ihm Aufgaben in dieser Welt gibt. So entdeckt der Mensch in seinem persönlichen Leben den Auszug aus der Angst – die Einkehr bei Gott – den Aufbruch in die Welt.