Predigt zu Pfingsten 2017, Pfrn. Sonja Glasbrenner, Gränichen

Text: Das Pfingstereignis, Apg. 2

 

 

Hören und Verstehen

 

Diesem Aspekt von Pfingsten denken wir zu Beginn nach. Wenn jemand eine Sprache spricht, die ich nicht spreche ist eindeutig klar: Ich verstehe nicht was er sagt! Vielleicht kommen einzelne Begriffe vor wie Coca Cola oder Smartphone, welche weltweit gleich heissen. Die globalen Business-Gemeinsamkeiten versteht man dann. Aber sonst sind nur Worte zu hören, die abenteuerlich fremd klingen.

 

Nicht so eindeutig ist die Lage, wenn jemand eine vertraute Sprache spricht. Wenn ich jemanden in meiner Muttersprache reden höre, muss ich mir den Sinn nicht zuerst erschliessen. Ich verstehe ohne grosse Anstrengung was er meint. Und hier, so scheint mir, liegt eine Gefahr. Was der Hörer hört ist nämlich nicht unbedingt das, was der Andere gesagt hat. Wir müssen das, was uns andere sagen interpretieren. Wir bringen das, was wir hören, mit unseren eigenen Erfahrungen in Verbindung. Die Gedanken des Anderen treffen auf unsere eigene innere Welt und auf unsere Wertvorstellungen. In diese fügen wir das neu Gehörte ein. In unserem Horizont, vor unserem Hintergrund interpretieren wir das Gesagte. Und da kommt es doch immer wieder vor, dass man nicht wirklich erfasst, was der Sprecher mitteilen wollte. Die meisten sind ja heute auch eng getaktet. Jeden Tag gilt es ganz viel zu erledigen. Bleibt da die Zeit, um sich wirklich auf sein Gegenüber einzulassen und in Ruhe zuzuhören? Bleibt die Zeit, um sich beim Hören zu überlegen: Was will er mir genau sagen? Fragt man auch mal zurück: Wie war dieses Erlebnis für dich? Welche Bedeutung hat das, was du mir gerade erzählt hast für dich? Wie meinst du das genau? Oder: Wie kommst du zu diesem Urteil? Warum siehst du deine Situation so? Ich denke, ein Gespräch bekommt eine andere Qualität, wenn der Hörer sich bewusst ist: Mein Gegenüber und ich leben in zwei verschiedenen Welten. Wir empfinden Situationen, Menschen, die Gesellschaft unterschiedlich.

 

Wer sorgfältig zuhört merkt, dass er nicht alles eindeutig verstehen kann. Manches bleibt vage, anderes kennt man gar nicht aus der eigenen Erfahrung. Es kann helfen, wenn man auf Fragen achtet, die einem beim Zuhören kommen. Was willst du damit sagen? Warum ist das so wichtig für dich? Wovor hast du genau Angst? - Solche Fragen führen in die Tiefe. Sie helfen auch dem Gegenüber, seine Situation noch besser und klarer zu sehen. Es entsteht eine Kommunikation, die weiterführt.

 

Die Sprache ist ein wunderbares Mittel, das uns gegeben ist, um mit andern in Kontakt zu treten und Beziehungen aufzunehmen. Sie alle kennen das vom Lesen: Da liest man etwas aus einer Lebenswelt, in der man sich noch nie selber bewegt hat, und kann doch etwas damit anfangen. Natürlich kann ich einen Extrembergsteiger nicht so gut verstehen wie jemand, der selber extreme Klettertouren macht. Aber ich kann, wenn ich ihn erzählen höre, doch eine Ahnung davon bekommen, was er bei seinem waghalsigen Sport erlebt, was ihn daran so fasziniert. Das gleiche erlebt man beim Lesen historischer Romane. Wer die Geschichte einer Täuferfamilie im Emmental liest, kann doch einiges von deren Lebenswelt nachempfinden. Wer selber nie über den Atlantik gesegelt ist und die Aufzeichnungen eines jungen Mannes liest, der eine Einhand-Weltumseglung in Angriff nahm, wird doch etwas von den Eindrücken und Herausforderungen einer solchen Expedition auf hoher See mitbekommen. So kann uns die Sprache fremde Welten erschliessen, wenn wir uns gründlich genug auf die Schilderungen einlassen.

Dieser Gedanke führt mich zur Bedeutung der Sprache für den persönlichen Glauben. Sonntag für Sonntag predigen Pfarrerinnen und Pfarrer in unseren Kirchen über Texte und Aspekte der Bibel. Wir haben als Grundlage unseres Glaubens vor allem die schriftlichen Texte, die es in den biblischen Kanon geschafft haben. Aus ihnen soll der Mensch etwas über Gott erfahren, manchmal auch direkt von Gott angesprochen werden. Was Theologen seit Generationen leisten ist auch eine Uebersetzungsarbeit. Den Reformatoren war es ein Anliegen, dass jeder die Bibel in seiner eigenen Sprache lesen konnte. Dass somit ein eigener Forschungsprozess und Verstehensprozess in Gang kommen konnte. Jeder, der die Bibel in seiner eigenen Sprache liest, kann die Texte der Schrift direkt zu seinem eigenen Leben in Beziehung setzen. Aus seinen Lebenserfahrungen heraus kann er sie deuten. Beim Lesen tauchen seine eigenen Fragen auf.

 

Es ist eine grosse Errungenschaft der Reformation, dass die Menschen so einen direkten Zugang zu den biblischen Schriften bekommen haben. Manchmal erkennt man beim Lesen der Bibel direkt etwas von Gottes Reden und Handeln, das für das eigene Leben gerade wichtig ist. Manchmal sind auch Gedanken, die sich Theologen oder andere Leute zu biblischen Texten gemacht haben hilfreich fürs Verstehen.

 

Sich selber direkt mit den Lebenswelten, mit den Erfahrungen der Autoren der Bibel auseinandersetzen. Dass dies möglich ist, ist eine grossartige Möglichkeit, die wir in Europa seit rund 500 Jahren haben. Darum bezeichnet der Slogan, der vor einigen Jahren für die reformierten Kirchen in der Schweiz werben sollte, etwas Wichtiges: Reformiert sein, selber denken... hat genau dieses Anliegen aufgenommen. Die Pfingstgeschichte berichtet uns von Männern, die darüber gesprochen haben, was Gott in dieser Welt tut. Wie sie ihn erlebt haben. Und was über sein Tun in der Bibel berichtet wird. Wenn nun die Bibel bis heute in die verschiedensten Dialekte in allen Erdteilen übersetzt wird, dann geschieht dadurch gewissermassen auch Pfingsten. Menschen hören die Autoren der Bibel in ihrer eigenen Sprache von den grossen Taten Gottes reden! Das ist ein Anfang. Es ist aber nötig, dass sie die Erzählungen auch mit ihrem eigenen Leben in Verbindung bringen können. Und dass sie die Schilderungen deuten können. Die Bibel will erforscht und gedeutet werden. Hier wird es heikel. Hierin unterscheiden sich die verschiedenen Ausprägungen des persönlichen Glaubens und der unterschiedlichen Kirchen. Was ist wörtlich aufzufassen? Was gilt einfach in der Lebenssituation, die der damalige Autor durchmachte? Was gilt für uns immer noch, auch nach 2000 oder noch mehr Jahren? Viele Regeln und Vorschriften sind eng mit der damaligen Gesellschaft und dem damaligen Weltbild verbunden – wie lassen sie sich in unsere heutige Gesellschaft übertragen? Alles Fragen, die keine einfachen und vorschnellen Antworten zulassen. Darum ist jede Generation und jeder Mensch neu dazu aufgefordert in den Biblischen Texten nach den Spuren von Gottes Wirken zu suchen. Und auch selber zu entscheiden, welche Auslegungen der Texte ihm einleuchten, welche Wahrheit er darin entdeckt. Als Richtschnur gilt mir persönlich dabei, dass die biblischen Texte dann richtig verstanden sind, wenn die Auswirkungen ihrer Deutung lebensförderlich sind. Wenn die Auslegungen Menschen dabei helfen, den Weg zu einem lebensfreundlichen Gott zu finden. Wenn Menschen dadurch ihr Leben in einem hoffnungsvollen Licht sehen.

 

Bei den biblischen Texten lohnt es sich schon, nicht bei der erstbesten Interpretation stehen zu bleiben. In der Geschichte der Kirchen wurden die alten Schriften auch immer wieder instrumentalisiert, um Menschen Angst zu machen, ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen und sie in einem unguten und unfreien Sinn an die Institution zu binden. Dieses Problem haben wir in der reformierten Kirche aktuell nicht mehr. Dafür stellen sich andere Schwierigkeiten bei der Frage, wie denn Menschen den Sinn der biblischen Botschaften für ihr Leben erkennen können.

Sie sehen: auch wenn die Geschichte über Pfingsten weit zurück liegt und vielleicht wundersam tönt: Geht man ihrem Sinn auf die Spur, ist und bleibt sie aktuell – überall wo es darauf ankommt, dass Menschen den Sinn einer Rede oder eines Textes wirklich verstehen.

 

Im Text aus Apg. 2, den ich Ihnen anfangs vorgelesen habe, heisst es, dass Galiläer über das Wirken von Gott in ihrem Leben sprachen. Und dann staunen all die Männer aus ganz verschiedenen Völkern: Wir alle hören sie in unseren Sprachen von den grossen Taten Gottes reden!

Das Wunder der Sprachverständigung geschieht also in einem ganz bestimmten Zusammenhang: Die ersten Christen in Galiläa erzählen in einer Versammlung vom Wirken Gottes. Da wird für die Anwesenden sein Geist unmittelbar erfahrbar. Sie können verstehen, was die Berichte über Gott bedeuten. Sie erleben, dass ihnen die Worte, die da an ihre Ohren dringen, unmittelbar gedeutet und übersetzt werden. Da sind wir wieder beim Thema hören und verstehen. Ich stelle mir vor, dass die verschiedenen Menschen aus verschiedenen Ländern in ihrer Zusammenkunft gespürt haben, dass sie denselben Glauben haben, dass sie mit dem gleichen Gott unterwegs sind. Ein Gefühl der Zusammengehörigkeit ist unter ihnen entstanden. Was Gott in unserer Welt wirkt wird plötzlich hörbar – ganz gleich, aus welcher Himmelsrichtung da jemand gekommen ist, zu welchem Volk er gehört. Alle können die Wirkungen des Geistes Gottes wahrnehmen.

Wie schon erwähnt, haben seither Menschen seit vielen Jahrhunderten daran gearbeitet, das Wirken Gottes in unserer Welt hörbar und verstehbar zu machen. Gerade gestern bekam ich passend zu Pfingsten ein mail, das für die Arbeit der Schweizerischen Bibelgesellschaft wirbt. Die Idee ist, dass Menschen den Sinn der biblischen Texte besser verstehen, wenn sie sie in ihrer Muttersprache, in ihrer Stammessprache oder in ihrem Dialekt lesen können. Weltweit wurde die ganze Bibel bereits in 648 Sprachen übersetzt. Sie haben noch immer 3675 Sprachen im Blick, in die noch kein Buch der Bibel übersetzt wurde. Aktuell laufen weltweit Uebersetzungen in 400 verschiedene Sprachen. Sie sehen, dass sich hier Pfingsten auf ganz praktische Art ereignet. Jahrelang arbeiten Uebersetzer an einer Uebertragung, damit Menschen die Schrift in ihrer Sprache besser verstehen können.

 

Paulus schreibt im Brief an die Römer, dass die Verkündigung des Wortes Gottes bei den Hörern Glauben wirken kann. Auch hier geht es um die Frage: Wie nehmen die Hörer die Botschaft des Evangeliums auf? Wenn ein Wort das Bewusstsein eines Menschen erreicht und in ihm etwas in Bewegung setzt, wurde das Wort wirklich gehört. Wenn ein Wort die Wahrnehmung, das Urteil eines Menschen verändert, hat es viel bewirkt. Wenn man z.B. Negatives über einen Menschen hört, schliesst man sich vielleicht diesem schlechten Urteil an. Man macht sich selber ein negatives Bild dieses Menschen. Dann erfährt man von jemand anderem etwas Neues über ihn. Und plötzlich verändert sich das Bild wieder. Das eigene Urteil wird revidiert. So nehmen Worte von Menschen ständig Einfluss auf unser Denken und Urteilen. Wenn jemand von einem Menschen oder einer Tätigkeit begeistert ist, schliessen wir uns dieser Sicht vielleicht an. Wenn wir heute von Gott erzählen, dann kann im Innern von Menschen auch etwas in Bewegung geraten. Im besten Fall wird seine Sicht auf sein Leben dadurch zum Guten verändert. Die Berichte über Gott können Menschen neu mit ihm in Verbindung bringen. Sie bewirken eine Bewegung zu Gott hin. In dieser Bewegung zum Geheimnis des Lebens liegt aus meiner Sicht der Sinn unserer Gottesdienste.  Wenn Menschen dann aus dem grossen und vielfältigen Geheimnis des Lebens etwas für sich selber entdecken, ist viel geschehen. Wenn durch  die biblischen Texte etwas in ihrem eigenen Leben anklingt, haben die Worte sie erreicht. Worte des Lebens führen Menschen aus Orientierungslosigkeit auf neue Wege, aus Verzweiflung zu neuer Hoffnung.

 

Die an Pfingsten versammelten ersten Christen haben durch die Botschaft von Gottes Wirken eine solche innere Veränderung erlebt: Nach dem Karfreitag lebten sie in Ratlosigkeit, wie ihre Bewegung weitergehen soll. Sie lebten in Angst vor weiterer Verfolgung. Aus Ratlosigkeit und Angst wurden sie in eine neue Zuversicht geführt. Sie hatten Gottes Wirken erlebt und wollten nun vielen Zeitgenossen von Jesus erzählen. Ihre damalige Begeisterung hatte grosse Auswirkungen auf die Weltgeschichte. Das Pfingstereignis gilt als Geburtsstunde der Kirche. Als der Anlass, an dem die ersten Christen beschlossen, ihren Glauben in der damaligen Welt weiter zu erzählen. So feiern wir mit Pfingsten mindestens zwei Dinge: Zum einen, dass Verständigung möglich ist, dass der Mensch von den Worten Gottes erreicht werden kann. Dass es möglich ist, das Wirken Gottes in der eigenen Sprache – ich würde auch sagen: im menschlichen Denken – zu erfassen. Und zum andern: Dass die gute Nachricht von Gottes helfendem Wirken von Menschen über Raum und Zeit hinausgetragen worden ist, bis heute und über unsere Zeit hinaus.