Heinrich Bullinger – Vater der reformierten Kirche

 

Predigt vom 9.4.2017 in der ref. Kirche Gränichen

Pfrn. Sonja Glasbrenner                                                                                      

 

Liebe Gemeinde,

 

wenn wir das Reformationsjahr feiern, lohnt es sich auch, einen Blick auf Heinrich Bullinger zu werfen. Beim Grossmünster Zürich finden wir an der Nordseite ein Standbild von ihm – eher unauffällig. Es war aber Heinrich Bullinger, der als Nachfolger Zwinglis einen grossen Einfluss auf die Reformation hatte. Seine theologischen und kirchenpolitischen Gedanken prägten die ref. Gemeinden in Frankreich, England, Italien und in Osteuropa z.B. in Ungarn und Polen. Sie gelangten durch Auswanderer bis nach Amerika, wo sie eine wichtige Grundlage der presbyterianischen Kirche wurden. Darum wird Heinrich Bullinger in der Biografie von Fritz Blanke und Immanuel Leuschner denn auch „Vater der reformierten Kirche“ genannt. Ich werde noch auf seine wichtigste Schrift, das Zweite Helvetische Bekenntnis, eingehen.

 

Am 18. Juli 1504 wurde Heinrich Bullinger im 800 Einwohner zählenden Städtchen Bremgarten geboren. Er war Sohn des gleichnamigen Vaters Bullinger, ein Priester, der mit Anna Wiederkehr im Konkubinat lebte. Sie sorgte wie eine rechte Pfarrfrau nicht nur für Haus, Tiere und Garten, sondern kümmerte sich auch um die Armen und Kranken in der Gemeinde. Die beiden hatten fünf Söhne, Heinrich war der jüngste. Im Spätmittelalter gab es viele Priester, die öffentlich im Konkubinat lebten und Kinder hatten. Von der Kirche wurde das zwar offiziell nicht erlaubt – aber in der Eidgenossenschaft wählten oft die Stadträte und örtlichen Behörden die Priester, und diese sprachen sich für ein Familienmodell aus. Sie sehen also: Luther war nicht der erste und nicht der einzige Priester, der Frau und Kinder hatte. Heinrich Bullinger der Aeltere konnte jahrzehntelang ungestraft im Konkubinat leben und wurde auch in verantwortungsvolle Aemter im Bezirk gewählt.

 

Der junge Heinrich trat mit nicht einmal fünf Jahren in die Lateinschule in Bremgarten ein. Die Kinder lernten ausschliesslich Latein und Kirchenlieder singen. Viele Schulen in Europa funktionierten damals so. Als er 12 Jahre alt war, schickte ihn der Vater nach Emmerich in Deutschland. Der um 8 Jahre ältere Bruder Johannes studierte in dieser Zeit ebenfalls dort.

An der Lateinschule Emmerich wurden auch antike Schriftsteller auf Latein gelesen, zudem wurde Griechisch und Logik gelehrt. Die Schüler sprachen damals untereinander während Jahren nur Latein – und so verwundert es nicht, dass Heinrich Bullinger später in dieser Gelehrtensprache mit Geistlichen in aller Welt in Briefkontakt treten konnte. Im Alter von 15 Jahren setzt Bullinger seine Studien an der Uni Köln fort. Dort erlebt er, wie ein grosser Streit um die Gedanken eines Dr. Martin Luther ausbricht. Er will wissen, worum es Luther geht. Er liest einige Bücher von ihm, darunter Die babylonische Gefangenschaft der Kirche und Von der Freiheit eines Christenmenschen. Gleichzeitig beginnt er selber zu den Quellen vorzustossen. Er entdeckt, dass die Theologie der Kirchenväter anders ist, als die Scholastische Theologie des Mittelalters. Er beginnt die Texte der Bibel genau zu lesen. Dabei kommt er zu einem ähnlichen Ergebnis wie Luther und Zwingli: Gute Werke machen den Menschen vor Gott nicht gerecht. Aus Glauben allein bekommt der Mensch wieder Zugang zu ihm. Das Lebenswerk von Jesus genügt, um uns zu Gott zurückzuführen. - Als Bullinger von Köln nach Bremgarten heimkehrte, erlaubte ihm sein Vater, der immerhin kath. Dekan war, seine Lutherstudien fortzusetzen. Im Elternhaus herrschte ein sehr liberales und offenes Denken!

 

Der 18 Jährige wurde von Abt Joner als Klosterlehrer nach Kappel berufen. Bullinger erklärte, dass er die Stelle nur annehme, wenn er kein Mönchsgelübde ablegen und an keiner Messe teilnehmen müsse! Abt Joner ging darauf ein – und so bekam der junge Bullinger für sein Wirken volle religiöse Freiheit. Am Nachmittag unterrichtete er die Knaben der Lateinschule. Jeden Vormittag hielt er zusätzlich eine Stunde Bibelkunde für die Mönche – ein absolutes Novum! Dabei nahm er die neuesten Erkenntnisse der humanistischen Wissenschaft auf. Er bot seinen Zuhörern die modernste Bibelexegese! Er arbeitete mit ihnen 21 der 27 Bücher des NT durch. Bisher kannten die Mönchen meist nur einige Schriften von scholastischen Theologen. Die tägliche Bibelauslegung blieb nicht ohne Wirkung! Nach zwei Jahren wurden die Bilder in der Kirche Kappel entfernt und die Messe wurde abgeschafft. Und die Mönche? Etliche traten aus dem Kloster aus und lernten ein Handwerk. Andere blieben und liessen sich von Bullinger in der Auslegung des NT ausbilden. So wurde Kappel zu einem Seminar, in dem angehende reformierte Pfarrer zusammen wohnten und studierten.

 

Mit 22 Jahren konnte Bullinger für fünf Monate einen Studienurlaub an der Prophezei in Zürich machen. Dort legte Huldrych Zwingli jeden Tag die Bibel aus. So entstand eine Freundschaft zum Zürcher Reformator. Bald wurde Bullinger zusätzlich als Pfarrer eingesetzt – in der Kirchgemeinde Hausen am Albis. Seinen Studienurlaub nutze der junge Bullinger auch, um eine geeignete Ehefrau zu finden. Seine Wahl fiel auf Anna Adlischwyler, eine junge Nonne aus dem Zürcher Kloster Oetenbach. Er schreibt ihr einen langen Brautwerbe-Brief. Sie sei zu jung und zu gesund, um im Kloster zu leben, schreibt er. Und weiter: „Wer weiss, ob nicht Gott es so geleitet hat, dass ich dich ans Licht ziehen und freimachen soll, damit du dein junges Leben nicht ohne Furcht im Gefängnis verbringen müssest. Es ist wahrlich ein grosses Ding, Möglichkeiten haben und auf die Zeit achten, dass wir alles dann, wenn es sich begibt, annehmen: denn es kommen nicht immer Vorschläge, die sich für uns eignen und bliebe uns zuletzt grosse Reue, wenn wir die Gelegenheit übersehen hätten.“ Bullinger kann diese Worte sehr authentisch schreiben, hat er doch selber schon bei seinem Vater erlebt, dass Ehe und Pfarrersein einander nicht ausschliessen. Er selber hat die Chancen, die sich ihm im Leben geboten haben, und all das, was er von Gott her als seinen Auftrag bekommen hat, immer mutig ergriffen. Sein Werbeschreiben hat Erfolg. Aber es gibt auch noch Hindernisse auf dem Weg zum gemeinsamen Glück. Die Verlobung kam damals einer Eheschliessung gleich. Rechtlich waren zwei Menschen mit der Verlobung so gut wie verheiratet – und die Heirat sollte auch innert 14 Tagen nach der Verlobung stattfinden. Es war damals üblich, sich vor zwei Zeugen zu verloben. Bullinger wollte aber kein Geschwätz, und darum gaben sich  Anna und er im leeren Grossmünster heimlich das Verlobungswort. Anna sagte ihm jedoch, dass sie der Verlobung zwar zustimme, ihn aber nicht gegen den Willen ihrer Mutter heiraten werde. Bullinger konnte Annas Mutter nicht umstimmen. Diese hatte einen reicheren Mann für ihre Tochter gefunden, mit dem sie diese verheiraten wollte. Anna erklärte, dass sie Bullinger bereits ein Eheversprechen gegeben habe – aber die Mutter bezweifelte, dass das Versprechen ohne Zeugen rechtsgültig sei. Darum gelangte Bullinger im Sommer 1528 ans Zürcher Ehegericht. Zwingli selber erschien als Zeuge vor Gericht. Die Richter halfen Heinrich Bullinger und Anna Adlischwyler.  Ihr Versprechen wurde als rechtsgültig anerkannt, und Anna dürfe, wenn sie ihn nicht heirate, nie mehr einen andern Mann heiraten. Das half dem jungen Paar. Bullinger konnte sich aber erst zwei Jahre später, nach dem Tod der Mutter Adlischwyler mit  Anna verheiraten.

 

Es gäbe über diese bewegten Zeiten noch viel zu berichten. Bremgarten wurde nach dem Verrat durch die bernischen Bündnispartner re-katholisiert. Die Reformierten gingen wieder zur Messe oder mussten auswandern. In Kappel lebte Bullinger nahe an der Konfessions-Front, an der sein Freund Zwingli bekanntlich fiel. Bullinger trat mutig die Nachfolge Zwinglis in Zürich an. Er musste dafür sorgen, dass die reformierte Bewegung ohne Zwingli weiterging. Dies hat er mit sehr viel Fingerspitzengefühl und Sachverstand getan!

Im Zweiten Helvetischen Bekenntnis fasst Bullinger in verständlicher Sprache seine ganze reformierte Theologie zusammen. Darum beginnt die Schrift mit den Worten: Bekenntnis und einfache Erläuterung des orthodoxen Glaubens und der katholischen Lehren der reinen christlichen Religion...

 

Das mag Sie vielleicht verwundern! Aber die  Reformatoren hatten ja die Absicht, ihre kath. Kirche von allem menschlichen Ballast zu befreien und sie wieder auf die Inhalte der Bibel zu gründen. Geschickt greift Bullinger darum auf Gedanken der Bibel und der ältesten Kirche zurück. Er sieht seinen Glauben in der Tradition der rechten (orthodoxen) und umfassenden (katholischen) Lehre.

 

Weiter heisst es: ...herausgegeben in der Absicht, allen Gläubigen zu bezeugen, dass sie in der Einheit der wahren und alten Kirche Christi stehen, keine neuen und irrigen Lehren verbreiten und daher auch nichts mit irgendwelchen Sekten oder Irrlehren gemein haben.

 

Diese Worte konnten über Tod oder Leben entscheiden. Nicht alle Kaiser tolerierten in ihren Gebieten die neue Form des Glaubens. 1555 anerkannte Kaiser Maximilian in Deutschland die Lutherische Kirche. Aber der mächtigste Fürst, Kurfürst Friedrich III., war reformiert und wurde darum der Sektiererei bezichtigt.

 

Ihm drohten die Absetzung und die Reichsacht. Er musste darum seinen Glauben vor dem Reichstag verteidigen und wandte sich dabei an Bullinger. Dieser hatte seinen reformierten Glauben schon sorgfältig niedergeschrieben. Die Blätter sollten nach seinem Tod veröffentlicht werden. Jetzt konnte er sie dem Kurfürsten zukommen lassen. Darin stand genau, was dieser zur Verteidigung seiner Glaubensausprägung brauchte! In Windeseile druckte Froschauer 1566 das reformierte Bekenntnis Bullingers – und der Kurfürst konnte seinen Glauben damit vor dem Kaiser wirkungsvoll verteidigen. Unter dem Namen Zweites Helvetisches Bekenntnis bekam die Schrift, die eigentlich als Vermächtnis Bullingers gedacht war, bald europaweite Bedeutung.

 

Zu Beginn habe ich gesagt, Bullinger sei einer der ersten Medienschaffenden gewesen. Er war ohne Zweifel einer der grossen Briefschreiber seiner Zeit. Während 52 Jahren hat er über 12000 Briefe geschrieben. Er schrieb an Leute in führenden Kirchen- und Staatsfunktionen, natürlich an Pfarrkollegen und Wissenschaftler, an Studenten und Gemeindeglieder. Er liefert darin einen wichtigen Beitrag zu den grundlegenden Glaubensfragen seiner Zeit, zum kirchlichen Leben, zu Bildungsfragen, zur Weltpolitik und zu den Kriegen, die vom Kaiser von Frankreich geführt wurden. Die Hugenottenverfolgung in Frankreich war Teil dieser Kriege. Es ist aber Bullingers Arbeitsweise, die ihn als einen der ersten Journalisten ausweist: Dank dem regen Briefverkehr, war Bullinger einer der bestinformierten Männer! Bewusst hat er unzählige schriftliche und mündliche Berichte von auswärtigen Freunden gesammelt. Geschickt gab er dann ausgewählte Berichte und Informationen an Freunde und Interessierte weiter. - Er hat sogar eine Art Zeitungen verfasst: Nachrichten, die bei ihm eingingen, stellte er zu Berichten zusammen. Wesentlich ist, dass er die Nachrichten nicht nur zusammenstellte, sondern auch eigene Kommentare dazu verfasste. Mit diesen Stellungnahmen hat er schon vor 500 Jahren journalistische Arbeit geleistet. Diese Zeitungen wurden noch von Hand abgeschrieben und gezielt verbreitet. Es findet sich darin die früheste ausführliche Darstellung der Schrecken der Bartholomäusnacht von 1572, in der in Frankreich tausende Hugenotten umgebracht wurden.

 

Etwas Interessantes habe ich noch zum Predigtverständnis gefunden: Bullinger ist überzeugt, dass Gott selber durch die Heilige Schrift zu uns spricht. Er schreibt: Die Predigt des Wortes Gottes ist Gottes Wort. Wo immer rechtmässige Prediger die Bibel auslegen, begegnet den Hörern Gottes  Wort. Der Heilige Geist inspiriert die Predigt, damit darin Gott selber hörbar wird. - Dabei sollen die Prediger die Bibel aber sorgfältig und genau studieren. Einzelne Stellen werden an andern Bibelstellen gemessen, und alles wird an der Liebe Gottes zu den Menschen gemessen. Durch den Glauben an Christus allein wird der Mensch gerettet – und jeder, der darum bittet, kann diese Glaubensgewissheit und Rettung erfahren. In Bullinger begegnet mir ein weites Herz! Da ist einer, der von der Gnade Gottes, von seinem Rettungswillen ausgeht. Einer, der alle ins Licht Gottes hineinziehen will.

 

Liebe Gemeinde, ich habe Sie in der letzten Viertelstunde an die Wurzeln unserer reformierten Kirche zurückgeführt. Und da stellt sich die nicht ganz unwichtige Frage: Was können wir für uns aus dem Wirken Bullingers lernen? Mir sind zwei Gedanken zuvorderst:

Erstens: Im Gottesdienst begegnet Gott selber dem Menschen, spricht ihn an, inspiriert ihn. Ich lasse dieses Wirken Gottes am Menschen als Geheimnis heute einmal einfach stehen.

Zweitens: Mut zum Bekenntnis! In den reformierten Kirchen haben wir heute ja kein Bekenntnis mehr. Interessant ist, wie diese Situation zustande kam. Im 19. Jahrhundert lehrten an der Universität Zürich Professoren, welche die Bibel mit der historisch-kritischen Methode auslegten. Im Gefolge der sogenannten Aufklärung wurden viele Glaubensaussagen in Frage gestellt. Leute aus ländlichen Gebieten verlangten deshalb die Absetzung eines Professors. Um diesen Streit beizulegen und es beiden Seiten recht zu machen, beschloss der Kirchenrat im Jahr 1868, dass die reformierte Kirche ab sofort bekenntnisfrei sei! Jede Auffassung über den Glauben sollte fortan in der Kirche Platz haben. - Ist es aber in unserer pluralistischen Gesellschaft noch sinnvoll, dass eine so grosse Gruppe wie die Landeskirche keine Grundlage hat? Braucht die ref. Kirche wieder ein Bekenntnis, um den Glauben, der uns trägt, verständlich und hörbar zu formulieren? Von allen zu verlangen, dass sie ein bestimmtes Bekenntnis genau so übernehmen, ist meiner Ansicht nach mit dem heutigen Denken nicht vereinbar. Aber als Grundlage oder auch als Ausgangspunkt für unseren Glauben, als Basis, scheint mir ein Bekenntnis  nötig zu sein. Christus als wahrer Mensch und Gott, als unser Erlöser – der christliche Glaube hat auch heute keinen andern Grund. Leben und Befreiung empfangen – aus Gottes Gnade. Viele Christen dürfen heute diese wesentliche Erfahrung machen. Wenn ich das richtig sehe, wird heutzutage die Beliebigkeit gross geschrieben. Viele wittern ihre Freiheit darin. Aber ist Freiheit in der Beliebigkeit auch zu finden? Mir scheint, dass man dann wirklich frei sein kann, wenn man seine Wurzeln kennt. Wenn man eine Orientierung für das eigene Leben hat, ein lohnendes Ziel. Die Klarheit eines Bekenntnisses, wissen, woran man glaubt, wirkt eben nicht nur einengend. Sie kann gerade die nötige Lebensenergie und Motivation schenken, um ein sinnvolles und erfülltes Leben zu führen. Ein solch sinnvolles Leben im Glauben zu führen ist Heinrich Bullinger gelungen! Seine Briefe und sein Zweites Helvetisches Bekenntnis strahlen bis in unsere Zeit hinein. Greifen wir seine klaren Gedanken in der reformierten Kirche wieder auf.