Gottesdienst vom 5. Februar 2017, 9.30 ref. Kirche Gränichen

 

Thema: 500 Jahre Reformation – was Zwingli uns zu sagen weiss

 

Kommt zu mir all ihr Geplagten und Beladenen. Ich will euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir, denn ich bin sanft und demütig; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele.

Diese Worte aus Mt.11 wählte Ulrich Zwingli als Motto seines Auftrages als Prediger. Er liess sie jeweils auf die Titelseite seiner gedruckten Schriften setzen.

Liebe Gemeinde,

ich begrüsse Sie herzlich zum ersten Gottesdienst zu Huldrych Zwingli. Ich werde im Verlauf dieses Jubliläumsjahres 500 Jahre Reformation noch 4 Gottesdienste zur Reformation anbieten. Gemeinsam werden wir die Grundanliegen der Reformatoren anschauen und uns in ihre Zeit und Denkweise versetzen. Sie werden sehen, dass vieles, was für unseren Glauben heute selbstverständlich ist, von den Reformatoren herausgefunden und den Menschen von damals als neue Idee nahe gebracht wurde. Vieles wird Ihnen vertraut vorkommen.

 

Ich weiss nicht, wie gut Sie das Leben des Zürcher Reformators präsent haben. Ich habe wichtige Stationen, die sein Denken und Wirken geprägt haben, für Sie zusammengefasst. Damit will ich an das Leben eines der wichtigsten Reformatoren erinnern. Zugrunde liegt dabei das Buch „Ulrich Zwingli“ von Peter Opitz, er hat es extra zum Reformationsjahr herausgegeben. Er leitet das Institut für Reformationsgeschichte an der Universität Zürich.

 

 

Schlaglicht auf Zwinglis Wirken                                                                    

 

Am 1. Januar 1484 wurde Ulrich Zwingli in Wildhaus geboren. Er wandelte seinen Vornamen aus Dankbarkeit gegenüber Gott später in Huldrych um. Sein Vater gehörte zur ländlichen Führungsschicht. Er besass viel Land und hatte als Landammann lokalpolitischen Einfluss. Die Eltern wollten Ulrich im kirchlichen Dienst sehen. Darum besuchte er die Lateinschule und später die Uni in Wien. 1502 begann er an der Uni Basel zu studieren. Dort knüpfte er Kontakte zu Humanisten. Diese Begegnungen haben sein späteres Wirken geprägt. Schon im 23. Lebensjahr wurde Zwingli volksnaher Priester in Glarus. Er nahm die Beichte ab, trug bei Fronleichnamsprozessionen die Monstranz mit der geweihten Hostie und betete das Ave Maria mit dem Rosenkranz. Er war auch mit dem Ablasswesen vertraut. - Wie sie wissen, hat sich gerade daran dann die Reformation entzündet. Zwingli wurde wie Luther später ein Kritiker der Ablass-Praxis, die es den Gläubigen erlaubte, durch Geldzahlungen etwas für ihr Seelenheil zu tun.

 

Zwingli betrieb ein intensives Selbststudium. 210 theologische und 90 philosophische Werke hatte er in seiner Bibliothek – damals ein unvorstellbarer Bücherschatz für eine Privatperson. Zwingli lernte in Basel auch Erasmus von Rotterdam kennen. Erasmus war bemüht, die humanistische Bildungsbewegung in den Dienst der Erneuerung des Christentums zu stellen. Er wollte den ursprünglichen Sinn der biblischen Schriften wieder freilegen, unabhängig von späteren kirchlichen Auslegungen. Dazu veröffentlichte er das Neue Testament auf Altgriechisch. Bisher war es nur in   der lateinischen Uebersetzung gelesen und ausgelegt worden. Zwingli traf 1516 Erasmus persönlich. Er lernte Altgriechisch und Hebräisch und las die biblischen Schriften in den ursprünglichen Sprachen. Von Erasmus lernte Zwingli auch, dass Christus allein die Quelle alles Guten ist! Sie hören im zweiten Teil der Predigt mehr dazu.

 

Zwingli war es gewohnt, politisch zu denken. So mischte er sich auch ins Tagesgeschehen ein. Er hatte als Feldprediger im Jahr 1515 die Schlacht von Marignano hautnah miterlebt. Das Leid, das er dort sah, muss ihm unter die Haut gegangen sein. Er verfasste einige Schriften, in denen er sich deutlich gegen das Söldnerwesen, das sogenannte Reislaufen, wandte. Er plädierte für eine politisch unabhängige Eidgenossenschaft. Wegen seiner politischen Ansichten ging er von Glarus nach Einsiedeln, wo er zwei Jahre als Leutpriester wirkte.

 

Am 1. Januar 1519, also an seinem 35. Geburtstag, hielt Zwingli seine erste Predigt von der Kanzel des Grossmünsters. Er begann mit der fortlaufenden Auslegung des Matthäusevangeliums. Das tönt heute selbstverständlich, war damals aber ein Bruch mit der Tradition. An jedem Sonntag waren nämlich bestimmte liturgische Texte vorgegeben und man konzentrierte sich auch auf die jeweiligen Heiligen des Tages. Zwingli aber stellte das Evangelium, die Verkündigung Gottes durch Jesus, ins Zentrum seiner Gottesdienste.

Im Jahr 1519 wütete in Zürich die Pest. Zwingli liess sich davon nicht abhalten, die Leute zu besuchen, und erkrankte selber schwer. Fast wäre er an der Pest gestorben. In dieser Zeit, schon zwei Jahre vor dem Auftakt zur Reformation in Zürich, wurde ihm klar, dass er für sein neues Verständnis des christlichen Glaubens allenfalls sein Leben lassen muss.

 

Zwingli bekam mit, wie Martin Luther 1521 von Papst Leo X. exkommuniziert wurde, und wie Kaiser Karl V. im gleichen Jahr die Reichsacht über den Reformator verhängte, das heisst, ihn zur Tötung freigab. Es waren turbulente Zeiten! Der Zürcher Rat stand grösstenteils hinter Zwingli, aber auch vor seinem Haus versammelten sich Demonstranten. Er bekam Morddrohungen und deswegen zeitweise vom Rat angeordneten Personenschutz.

 

Im Frühling 1522 kam es zum offenen Streit über Zwinglis Lehre. Zwingli und einige seiner Anhänger trafen sich in der Fastenzeit beim Drucker Froschauer und verspeisten Würste. Damit wollten sie sagen, dass Gott nicht vom Menschen verlange zu fasten, damit er ihm das Heil geben kann. Wie sehr der Zürcher Rat hinter Zwingli stand, sieht man am Glaubensgespräch, das er 1523 in Zürich einberief. (Teil II vom 5.3.17)

 

Klosterschliessungen

 

Das Mönchswesen widerspricht laut Zwingli dem Gedanken, dass alle Christen vor Gott auf der gleichen Stufe stehen. Durch die Reformation kam es in Zürich zu einer regelrechten Austrittswelle aus den Klöstern. Das Kloster Fraumünster wurde der Stadt übergeben. Zum Austritt gezwungen wurde niemand. Man erlaubte den Nonnen und Mönchen, ihren Lebensabend im Kloster zu verbringen.

 

Beim ersten Kappellerkrieg ging es darum, dass die Innerschweizer Orte einen kath. Landvogt mit Gewalt über die reformiert gewordene Stadt Baden setzten wollten. Als Schutzmacht von Baden waren die Züricher verpflichtet, dies zu verhindern. Zwingli betonte aus seinem Feldlager in Baden in Briefen an den Zürcher Rat: Die Zürcher sind nicht ausgezogen, um Blut zu vergiessen.

Er wollte den Katholiken den Weg durchs Freiamt versperren und die Glaubensfreiheit in der gesamten Eidgenossenschaft verankern. Damals war dies ein sehr moderner Gedanke. Im Juni 1529 hatte keine der Parteien Lust auf einen Bruderkrieg. Und so wurde im ersten Kapeller Landfrieden militärische Gewalt verhindert.

Die Lage spitzte sich aber weiterhin zu. 1531 standen sich ein schlecht vorbereitetes Zürcher Heer und eine innerschweizerische Uebermacht gegenüber. Es war eine kleine Gruppe kriegslustiger Innerschweizer, die das Blutvergiessen auslöste. Die Zürcher erlitten eine verheerende Niederlage, auch Zwingli war unter den 400 Zürcher Toten.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass gerade ein Prediger, der sich vehement gegen das Söldnerwesen eingesetzt hatte, auf dem Schlachtfeld sein Leben verlor. Er war seiner Zeit auch weit voraus, als er den einzelnen Gemeinden freie Konfessionswahl zugestand. Nach Zwingli durfte jede Gemeinde selber festlegen, ob sie reformiert werden oder katholisch bleiben wollte. Mehr zu den damaligen Glaubensspannungen im zweiten Teil der Zwingli-Serie.

 

Gedanken von Zwingli – für heute ausgelegt                                                

 

Sie haben im kurzen Ueberblick über Zwinglis Leben gehört, dass für die Menschen von damals der Glaube eine sehr ernste Angelegenheit war. Zwingli hat sich auch als ein Prophet verstanden, er war bereit, sein Leben zu opfern, damit sich seine Erkenntnisse von der erneuerten und von viel Ballast befreiten Gotteserkenntnis durchsetzen konnten! Aber auch die sogenannten Altgläubigen, die Katholiken, nahmen ihren Glauben und ihre Traditionen sehr ernst.

 

Dies ist ein erstes, das die Zeitgenossen von Zwingli lernen können: Der Glaube ist keine Nebensache, sondern wesentlich für das Gelingen des menschlichen Lebens.

Aber zurück zum erfreulicheren Teil: Zwingli nahm an der geistigen Aufbruchstimmung seiner Zeit teil! Ad fontes, hiess es damals: Zu den Quellen! Damit war gemeint, dass man die Texte der Antike in einer möglichst unverfälschten Form lesen soll. Dieses Prinzip wandten die Reformatoren auf die Bibel an. Es galt, sie möglichst von den ursprünglichen Texten her zu lesen und zu verstehen. Die Bibel rückte ins Zentrum der Verkündigung und wurde die Grundlage des christlichen Glaubens.

 

Mir fällt auf, dass unsere reformierte Kirche auch 500 Jahre nach Zwingli noch sehr viel Substanz von damals behalten hat. Im Studium lernen die Theologen noch immer Altgriechisch, Hebräisch und Latein. In manchem Gottesdienst wird ein Text aus den Evangelien ins Zentrum gestellt und ausgelegt. Jesus Christus gilt als Zentrum unseres Glaubens und als unser Erlöser. Alle Christen sind einander gleichgestellt. Jeder soll ganz persönlich einen eigenen Zugang zu Gott finden und in einer persönlichen Beziehung zu Jesus Christus leben. Wir bezeugen, dass der Mensch allein durch die Gnade Gottes gerettet wird, und dass er  von sich aus nichts zu seiner Rettung hinzufügen kann oder muss. Wenn ich so darüber nachdenke wird klar: Im Kern ist die reformierte Kirche durch und durch von Zwingli geprägt. Seine Erkenntnisse liegen übrigens sehr nahe bei denen von Martin Luther.

 

Wirklich reformatorisch ist die Erkenntnis Zwinglis, dass die Bibel nicht ein Gesetzesbuch ist, dem man sich unterwerfen muss. Sie ist auch keine Lehre, der man sich gläubig unterwerfen muss. Für Zwingli begegnet dem Menschen in der Bibel Gottes Wort. Es ist ein Wort, das wirkt. Ein lebendiges Wort, das Menschen berührt. Dieses lebendige Wort kann sie ergreifen, trösten, erfreuen, erneuern.

 

Bleiben wir hier kurz stehen. Wenn ich mich fragen, weshalb sich viele von der reformierten Kirche nicht mehr angesprochen fühlen, komme ich unter anderem zum Schluss: Weil sie die Kraft von Gott nicht erleben. Wenn ein Mensch die Worte der Bibel hört und sie ausgelegt bekommt, sollten diese Worte in ihm weiterwirken. Ich vermute, dass die Worte oft einfach auf der Verstandesebene bleiben. Dann sind sie für viele Menschen nicht interessant genug. Um den Verstand zu unterhalten suchen sich viele Filme und Bücher nach ihren Interessen und ihrem Geschmack. Oder sie begeben sich auf Twitter. Aus meiner Sicht braucht es ein neues Verständnis davon, was denn die biblischen Texte sind und welche Bedeutung sie für das Leben des einzelnen gewinnen können. Wenn man den Sinn und die Wirkkraft der biblischen Botschaft nicht erkennt, dann kann man auch ihren einmaligen Wert nicht sehen. Ich weiss zu wenig über die damalige Zeit, um abzuschätzen, ob damals noch mehr Menschen den Wert der Bibel erkannt haben als heute. Die Reformatoren haben ihn jedenfalls erkannt und Zwingli hat einen grossen Teil seines Lebens dem Studium der Urtexte gewidmet.

 

Wir leben noch immer in einer Erlebnisgesellschaft. Darum scheint mir entscheidend für unsere Kirche: Gelingt es uns, den Mitgliedern zu zeigen, dass die Worte der Bibel auch für ihr Leben gültig sind? Dass sie in ihrem Leben zu einer ganz besonderen Wirklichkeit werden wollen. Zu einer Quelle der Hoffnung und der Lebenskraft. Wenn man die biblische Botschaft unvoreingenommen liest, kann sie ihre eigene Leuchtkraft entfalten. Sie vermag Menschen und ihren Blick auf die Welt grundlegend zu verändern.

 

Was aber ist dieses lebendige Gotteswort? Besser würde man fragen: Wer ist das lebendige Wort? Zwingli sagt: Das lebendige Wort Gottes ist Christus selber.

 

Im Johannesevangelium, das ihm ebenfalls sehr am Herzen lag, wird ja genau beschrieben, wie das göttliche Wort, das bei der Schöpfung dabei war und mit Gott wesenseins, in Christus Mensch geworden ist. Zwingli deutet die Bibel auf den menschgewordenen Gottessohn hin. Er lebte zu einer bestimmten Zeit in Galiläa, starb am Kreuz und ist zugleich der lebendige, auferstandene Gottessohn. Er begegnet in den biblischen Geschichten und spricht die, welche sie lesen und hören an. Zwingli schreibt dazu:

 

Christus steht vor dir, er lädt dich mit offenen Armen ein und spricht nach Mt. 11.28: Kommt her zu mir alle, die ihr euch abmüht und beladen seid, ich will euch Ruhe geben.

 

Dies tut er nicht als irdischer Jesus, sondern als auferstandener Christus durch den heiligen Geist der Wahrheit, den er zu uns sendet.

Die Klarheit und Kraft des Wortes Gottes, die Menschen mit Gott zu verbinden, sie zu erleuchten und in Bewegung zu setzen, ist die Klarheit und Kraft des Geistes Gottes, der von Gott dem Vater und von Gott dem Sohn ausgeht.

 

Die Bewegung zum Glauben geht vom dreieinigen Gott aus. Er wendet sich den Menschen zu. Gott selber schenkt den Menschen das rechte Verständnis für seine Wahrheit. Er ermöglicht es ihnen, ihm zu vertrauen und zieht sie in die Gemeinschaft mit ihm hinein.

 

Zwingli erklärt am Ende seiner Schrift Von Klarheit und Gewissheit des Wortes Gottes wie sich das Lesen der Bibel auswirken soll:

 

Spürst du, wie Gottes Wort dich erneuert und du anfängst, Gott mehr zu lieben als früher, als du Menschenlehren hörtest, so sei gewiss: Gott hat das bewirkt. Spürst du, dass dir die Gnade Gottes und das ewige Heil zur Gewissheit werden, so ist das von Gott. Spürst du, wie die Furcht Gottes dich mehr und mehr erfreut statt betrübt, so ist das ein sicheres Zeichen, dass Gottes Wort und Geist in dir wirken.

 

Ich hoffe, dass ich Ihnen heute wieder einen Einblick ins Denken von Hulrych Zwingli geben konnte. Wahrscheinlich haben Sie in vielem vertraute Gedanken gefunden, die auch Ihren Glauben heute prägen.

Spannend und auch schwierig finde ich die Frage: Welche Reformationen würde es denn heute in unseren Kirchen brauchen? Gibt es auch neue Ideen, mit denen die Gottesbotschaft noch besser verkündet werden könnte?