Zum Neuen Jahr 2017 – Pfrn. Sonja Glasbrenner

1. Januar 2017, ref. Kirche Gränichen

 

Das Gedicht zum Jahreswechsel von Albert Dexelmann bringt die verschiedenen Qualitäten von Zeit zum Ausdruck. Er erlebt die Zeit auf verschiedene Weise – und rechnet damit, dass Gott aus seiner Ewigkeit seiner Lebenszeit ihren Wert gibt.

 

Zeitabgleich
Ewiger Gott.

Aus dem Nachtrhythmus meiner gefühlten Zeit

bin ich aufgewacht.

Und ich finde mich allmählich ein

in die gemeinsame Zeiterfahrung,

für die wir Uhren haben.

Dieser Abgleich ist ja auch wichtig

für ein gutes Miteinander.

Aber so ganz will ich nicht

im Gleichschritt der Zeit aufgehen.

Und in diesem Morgenstart vertraue ich darauf,

mein inneres Zeitmass nicht zu verlieren.

Erhelle es auch heute

aus dem Nu deiner Ewigkeit.

In den Zeitungen und Zeitschriften und im Fernsehen wird am Ende eines alt gewordenen Jahres jeweils ein Jahresrückblick über die scheinbar wichtigsten – meist sind es nur die aufregendsten oder traurigsten – Ereignisse des Jahres gehalten.

 

Ich selber halte jeweils auch für ein paar Minuten inne und überlege mir, was denn das vergangene Jahr ausgemacht hat – und was ich vom Neuen Jahr erhoffe und worauf ich mich konzentrieren will. Es tut gut, das eigene Leben zu reflektieren und die einzelnen Aufgaben, Lebensbereiche und Ziele zu ordnen. Wenn man im Hinblick auf Gott sein Leben betrachtet, wird noch etwas Anderes zentral.

Sie, die sich hier in der Kirche versammelt haben, beginnen das Neue Jahr im Gegenüber zu Gott. Sie sind dabei dem Geheimnis nahe, das ihrem Leben Bestand gibt. Kein Leben kommt ohne Geheimnisse aus. Alles, was uns Freude macht, von Jahr zu Jahr, alles, was uns ein Stück weiterträgt, kommt uns von aussen zu. Diese Quellen in unserem Leben nennen wir: Gott, Gnade, Licht, Liebe, Leben, Segen. Der Grund unseres Lebens liegt nicht in uns selbst. Darum ist es schön, die vor uns liegenden Monate des Jahres 2017 zusammen vor Gott zu beginnen. In der Hoffnung und im Vertrauen darauf, dass er uns im Neuen Jahr all das zukommen lässt, was wir zum Leben brauchen, dass er mit uns die Tage geht und sich in vielen Situationen als der tragende Grund unseres Lebens erweist.

 

Predigt zur Jahreslosung Ez. 36.26                                                                

Liebe Besucherinnen und Besucher

 

Haben Sie sich Gedanken darüber gemacht, wie das vergangene Jahr 2016 für Sie verlaufen ist? - Vielleicht sind Sie dabei auf Lebensbereiche gestossen, in denen Sie gerne eine Veränderung hätten. Dann gibt es wahrscheinlich andere Bereiche in Ihrem Leben, mit denen Sie ganz zufrieden sind.

- Mit Blick auf unser Land, auf Europa und auf andere Kontinente haben Sie wahrscheinlich ganz vieles gesehen und gehört, das Sie gerne anders hätten. Die politischen Entwicklungen können einem Angst machen. Es wird spürbar, auf wie dünnem Eis sich die westlichen Demokratien bewegen. Mancher wünscht sich die Welt friedlicher, gerechter, lebensfreundlicher. Als Christinnen und Christen sind wir auch schon verschiedenen Visionen von einer erlösteren und gerechteren Welt begegnet. - Sie sind heute in unsere Kirche gekommen, gemeinsam beginnen wir das Neue Jahr 2017. Vielleicht verbinden Sie damit auch neue Hoffnungen. In persönlichen Lebensbereichen soll Veränderung möglich sein. Vielleicht haben Sie auch Ideen, wie die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse besser gemacht werden, wie diese Welt humaner gestaltet werden könnte. Heute wird der einzelne, der in der Weltpolitik wenig Einfluss hat, für ganz vieles verantwortlich gemacht. Unterschwellig wird uns gesagt, woran wir eine Mitschuld tragen sollen. Ist Ihnen das auch aufgefallen? Aber in welchen Bereichen und auf welche Art können Sie direkt Einfluss darauf nehmen, was weltweit und hier in der Schweiz alles abläuft? Als Christinnen und Christen verstehen wir uns als in dieser Welt lebend – wir wissen aber auch um die heilvolle Wirklichkeit Gottes.

 

In dieser Welt leben wir in einer eigenartigen Spannung zwischen gut und böse. Die Philosophin Hannah Arendt sieht im Denken, in der Reflexion des eigenen Handlens eine Möglichkeit, dem Bösen zu entkommen. In ihrem Buch Vom Leben des Geistes meint sie: Könnte vielleicht das Denken als solches – die Gewohnheit, alles zu untersuchen, was sich begibt... – zu den Bedingungen gehören, die die Menschen davon abhalten oder geradezu dagegen prädisponieren, Böses zu tun? Das, was wir erleben reflektieren. Zuerst darüber nachdenken, was wohl in dieser Situation am besten zu tun ist. Die Auswirkungen des eigenen Handelns antizipieren, all das kann bei richtigem Nachdenken zu guten und sinnvollen Handlungen führen. Das Böse ist banal, meint Hannah Arendt. Es entsteht oft aus gedankenlosem Handeln. Da denkt jemand gar nicht über die Folgen seines Handelns nach. Da klammert ein Konzern die Gewässerbelastung und das Oekosystem, das er mit seinen Abfällen gefährdet einfach aus. Da denkt sich jemand zu wenig in die Lage des andern hinein. Da werden um des Profits willen Dinge hergestellt und Stoffe in Lebensmittel getan, die den Menschen schaden.

Die ganze Verantwortung für den Gebrauch wird dabei an die  Konsumenten delegiert. Ich will damit zeigen, wie die Banalität des Bösen konkret aussehen kann. Wer nachdenkt, tritt in ein Gespräch mit sich selber ein. In seine Gedanken bezieht er oft auch andere mit ein. Wer sein Handeln und Denken reflektiert, der kann das Böse ausfindig machen und ihm widerstehen. Eigenes Reflektieren ist auch im Hinblick auf die Massenmedien und auf gängige Ansichten und Slogans angesagt. Will man einfach nachsprechen, was einem von den Meinungsmachern vorgegeben wird? Oder bemüht man sich um ein möglichst genaues Bild der Realität, bevor man Partei ergreift oder ein Urteil fällt?

 

Wer diese komplexe Realität durchschauen will, hat es nicht leicht. Vieles können und müssen wir meiner Ansicht nach auch gar nicht beurteilen – unser Urteil und unsere Wünsche würden an der Lage der Welt nichts ändern.

 

Der Text der diesjährigen Jahreslosung ist auch in diesem Spannungsfeld zwischen einer kriegerischen Welt und der Sehnsucht nach Veränderung der Verhältnisse entstanden. Der Prophet Ezechiel schreibt in den beiden ersten Teilen seines Buches vor allem von drohenden Kriegen und Unheil. Er wurde um 597 v. Chr. nach der ersten Einnahme Jerusalems von den Babyloniern ins Exil geführt. Seine Gerichtsworte und prophetischen Botschaften schreibt er vier Jahre später, ab dem Jahr 593 v.Chr.  Die einflussreichsten israelitischen Familien wurden nach Babylonien weggeführt, die einfachere Landbevölkerung und ältere Menschen in Israel gelassen. Das Leben war während dieser Eroberungszeit schwierig geworden. Viele haben davon geträumt, wieder in ihre Heimat zurückkehren zu können. Im dritten Teil seiner Bücher kündigt Ezechiel dann die Wende an. Gott selber wird die Israeliten wieder in ihrem Land sammeln. Er wird ihnen bessere politische Verhältnisse und Zukunft geben. - Eine gute Zukunft ist im biblischen Verständnis eng mit der Beziehung des Menschen zu Gott verknüpft. Er nimmt Einfluss auch auf das Geschick des Menschen in dieser Welt.

Interessant ist, dass Gott seinen Einfluss auf den Menschen in unserer Bibelstelle auf ganz besondere Weise wahrnimmt. Er beginnt nämlich nicht bei den äusseren Verhältnissen. Nein, er arbeitet sozusagen am Individuum selbst. Er schenkt dem Menschen sozusagen einen neuen Sinn. Neue Wahrnehmungsfähigkeiten.

 

Ich werde euch ein neues Herz geben und in euer Inneres lege ich einen neuen Geist. Ich entferne das steinerne Herz aus eurem Leib und gebe euch ein Herz aus Fleisch. Und meinen Geist werde ich in euer Inneres legen, und ich werde bewirken, dass ihr nach meinen Satzungen lebt und meine Rechtssätze haltet und nach ihnen handelt.

 

Das Herz ist heute zu einem Symbol für Verliebtheit geworden. Die romantische Liebe, Gefühle werden mit einem Herzen dargestellt. Wenn hier vom Herzen die Rede ist, geht es aber um die ganze Lebensaussrichtung des Menschen. Es geht darum, was ein Mensch will, wie er die Welt sieht und handelt. Das steinerne Herz – Sinnbild für Verschlossenheit in sich selber, Sturheit, festgefahrene Meinungen und Weltbilder. Wenn das Innere erstarrt ist – sei es durch Aengste oder weil jemand überheblich ist, kann der Mensch gar nicht mehr hören, was ihm gesagt oder geraten wird. Er verharrt in seiner Weltsicht und in seinen Gewohnheiten. Gott möchte solche inneren, festgefahrenen Gewohnheiten aufweichen. Das Innere des Menschen soll wieder beweglich, lebendig werden. Mit dem neuen Herzen stellt Gott dem einzelnen auch einen neuen Sinn zur Verfügung. Er wird befähigt, Gott wahrzunehmen. Er wird merken, welche Gedanken und Taten dem göttlichen guten Willen für diese Welt entsprechen – und womit er dem Ganzen Schaden zufügt. Hier sind wir beim zweiten Teil der Verheissung: Gott gibt dem Menschen von seinem Geist. Das erinnert doch an die Schöpfungsgeschichte, an den ersten Tag des Menschen: Die Kreatur aus Ackererde wird durch die Ruach, den göttlichen Atem, belebt. Der Mensch – ein Wesen zwischen Erde und Himmel. Zwischen biologischem Körper und ewigem Geist. Ich weiss nicht, ob und wie Sie diese Spannung in Ihrem Leben spüren. Es geschieht immer wieder, dass Menschen eine Ahnung von ihrer himmlischen Wirklichkeit haben. Dass sie spüren, dass sie in dieser Welt mit ihren Regeln und Ungerechtigkeiten nicht ganz zu Hause sind. Und dass sie sich dann nach der ewigen Heimat sehnen. Wenn Gott dem Menschen ein lebendiges Herz verheisst, das ihn erkennt, erinnert das daran, dass der Mensch zur Wirklichkeit Gottes gehört. Er soll im Gegenüber zu Gott leben und sich nach ihm ausrichten. Im Spannungsfeld zwischen diesem Leben mit all seinen Unwägbarkeiten, Krankheit und Zerfall und dem glücklichen, befreiten Leben aus Gott, hat der Mensch seine Tage und Jahre zu bestehen. In diesem Spannungsfeld hat er immer neu zu suchen, was dem Leben dient, und sein Handeln danach zu richten. Wenn Gott von seinem Geist etwas ins Innere des Menschen legt, merkt dieser, was seine Aufgaben sind. Er wird willens, dem Leben zu dienen.

 

Im Alten Testament begegnen wir sehr oft der Spannung zwischen dem, was Gott vom Menschen will und dem Tun der Menschen. Das beginnt bei der Geschichte vom Sündenfall, setzt sich fort über die Sintflutgeschichte und geht bei den 5 Büchern Mose und den Prophetischen Büchern weiter. Gott gibt Mose die 10 Gebote. Aber vielen gelingt es nicht, diese Gebote einzuhalten. - In unserem Propheten-Text geht Gott nun einen andern Weg: er beginnt beim Fühlen, Wollen und Denken des Menschen. Darauf angesprochen, ob das Erfüllen aller Gebote für das Heil notwendig sei, hat Martin Luther einmal gesagt: Machet den Baum gut, dann wird er von selbst gute Früchte tragen! - Diese Logik leuchtet ein. Und genau das wird uns in der Jahreslosung verheissen. Gott beginnt beim einzelnen Menschen. Er schenkt ihm ein neues Bewusstsein und ein neues Wollen!

 

Es ist eine altbekannte Wahrheit, dass einerseits die äusseren Lebensumstände unsere Lebensqualität bestimmen, dass aber auch die Art und Weise, wie wir ein Ereignis beurteilen und uns dazu stellen, unser Schicksal beeinflusst. So konnte Marie von Ebner-Eschenbach sagen: Nicht was wir erleben, sondern wie wir empfinden, was wir erleben, macht unser Schicksal aus! - Um dieses Empfinden des Erlebten geht es im prophetischen Text. Es geht darum, dass Menschen nicht bei den äusserlichen Ereignissen stehen bleiben. Sondern dass sie mitten im Alltäglichen, mitten in ihrem Leben, dem Gott begegnen, der die Quelle ihres Lebens ist. Dass sie Gott erkennen und ihm vertrauen können. Der Neue Geist ist fähig dazu, den guten Willen Gottes für das eigene Leben und für die unmittelbare Umgebung zu erkennen. Im neuen Geist gelingt es dem Menschen, behutsam und achtsam mit seinen Mitmenschen umzugehen. Der Mensch beginnt so zu leben, dass er seiner Umgebung wohl tut. Ein solches Selbstverständnis könnte gerade Menschen helfen, die sich in einer Sinnkrise befinden. Es gibt ihrem Leben einen neuen Inhalt, ihren Taten tiefere Bedeutung.

 

Zukunft

 

Wir giessen

unsere Hoffnung

nicht in totes Blei.

Wir legen sie

in deine lebendigen Hände, Gott.

 

Wir suchen nicht

die ausgetretenen Wege,

auf denen man blind folgt.

Wir suchen mit wachen Augen

die Nischen, in denen Leben keimt

und du der Hoffnung

eine Bresche schlägst

durch jede Mauer.

 

Wir haben unser Bündel

noch nicht fertig geschnürt,

die Karten nicht zu ende studiert,

die Uebernachtungen nicht gebucht.

Wir sind unterwegs

von Herberge zu Herberge,

bleiben offen

für jeden überraschenden Rat.

 

Gerhard Engelsberger

Wer erlebt, dass Gott sein Gegenüber in diesem Leben ist, hat ein Licht von unschätzbarem Wert bei sich. Es hilft ihm, in diesen turbulenten Zeiten die Hoffnung auf gelingendes Leben zu behalten. Es motiviert dazu, im eigenen Leben der Spur Gottes zu folgen und sich auf seine heilvolle Wirklichkeit einzulassen. Dem neuen Herzen ist es möglich, lebendig zu bleiben und sich hoffnungsvoll zu verändern. Und der neue Geist ist fähig dazu, die Verbindung zu Gott zu halten.

Beginnen wir gemeinsam im Vertrauen auf den Gott, der in unserer Welt wirkt, das Neue Jahr!